Buchvorstellung

Erinnerungen ans Abenteuer Bürgermeister

Geesthacht. Er war der großen Politik ganz nah, stand Helmut Schmidt in Terror- und Krisenjahren zur Seite, begleitete den Bundeskanzler im Regierungsflieger in die USA. Und dann das: Peter Walter fühlte sich am Ziel, an der Spitze einer Verwaltung.

Doch als er 1988 als neuer Geesthachter Bürgermeister im Ratssaal Platz nahm, debattierten die Ratsherren ausführlich über Bier. Eine Bar sollte während der Ratsversammlungen im Saal aufgebaut werden, so wollten es die Grünen. Angesichts des berauschenden Themas machte sich bei Peter Walter Ernüchterung breit: "Ich dachte - ein wenig erschrocken: Wo bin ich hier nur gelandet", erinnert sich Peter Walter an seine ersten Arbeitsstunden in Geesthacht. Das "Abenteuer Bürgermeister" hatte begonnen. Die Debatte um den Gerstensaft zählt zu den Episoden, die der 66-Jährige jetzt niedergeschrieben hat. "Stationen meines Lebens" hat Peter Walter sein jetzt im Schwarzenbeker Viebranz-Verlag erschienenes Buch überschrieben.

"Eigentlich war es ein Zufall, dass ich dieses Buch geschrieben habe", sagt Peter Walter. "Mein Sohn Sebastian sprach mich an und wollte mehr über die Zeit wissen, die er selbst nicht miterlebt hatte. Und eigentlich hatte ich am Anfang gar keine Lust." Dabei gab es viel zu erzählen: Die Kindheit in Babelsberg, Lehre bei der Reichsbahn, eine frühe Flucht aus der DDR, der Neuanfang im Westen. Und dann die Zeit bei Helmut Schmidt, die Jahre im Geesthachter Rathaus. Die Idee begann zu reifen. "Im Juni 2009 nahm ich im Spanienurlaub einen Stift in die Hand und begann zu schreiben", sagt Walter. Doch noch fiel es ihm schwer, alles zu Papier zu bringen. Zu viele Gedanken kreisten im Kopf. "Plötzlich war mein alter Ehrgeiz erwacht. Aber man muss seinen Kopf ganz schön anstrengen, um die Zusammenhänge nach teilweise über 30 Jahren wieder in die Gegenwart zu holen." Tagebuch hatte Peter Walter nie geschrieben, aber kistenweise Dokumente aufbewahrt. Und er hatte viele ehemalige Mitstreiter, die Archive wälzten. Das Projekt nahm Fahrt auf. Aus dem Familienausflug in die Geschichte entstand ein Buch.

Und das liest sich, wie die Geesthachter Peter Walter kennen: Mit Herz, Witz und Sachverstand blickt er hinter die Verwaltungstüren in Geesthacht. Peter Walter beschreibt die Diskussionen, die es schon vor zwei Jahrzehnten um den Bau der Umgehungsstraße gab, geht auf die Wurzeln der Stadtwerke ein, schreibt über Kernkraftwerk, Wiedervereinigung, Finanzen - und den zarten Beginn einer engen Partnerschaft mit Kuldiga. Doch immer wieder stehen die Menschen im Mittelpunkt, sie sollen sich wiederfinden - Mitstreiter, Helfer, aber auch Widersacher. "Ich kann versichern: Alle Streitigkeiten meiner Geesthachter Zeit kommen vor", sagt Peter Walter. "Eines habe ich gelernt: Im Erfolg sonnen sich gern viele mit einem Bürgermeister. Aber wenn es kritisch wird und sich Fernsehanstalten die Klinke in die Hand geben, merkt man, wie einsam man wird. Aber das macht das Amt des Bürgermeisters aus", sagt Walter.

Immer im Mittelpunkt stand der Wahlgeesthachter bereits zwei Jahrzehnte zuvor: 1973 klingelte sein Telefon - und Bundesfinanzminister Helmut Schmidt machte Walter zu seinem persönlichen Referenten. Er blieb sechs Jahre an seiner Seite, erlebte RAF-Terror und die Unwägbarkeiten, wenn ein Bundeskanzler plötzlich schutzlos auf dem Rollfeld eines Flughafens steht - aber kein Hubschrauber kommt. "Der Teil mit Helmut Schmidt ist mir am schwersten gefallen", sagt Walter. "Ich wollte keine Banalitäten erzählen, trotzdem Dinge berichten, die sonst niemand mitbekommen hat. Aber dabei immer die Vertraulichkeit einhalten", sagt Walter und gibt seinen Lesern seltene Einblicke in die Organisation von Kanzlerreisen, den Bundestagswahlkampf 1976 oder die Fahrten im Bundesbahn-Salonwagen.

Doch auch die menschliche Dimension darf nicht fehlen: Peter Walter schreibt über seinen 50. und 60. Geburtstag, aber auch ausführlich über den Schock der Diagnose Parkinson. "Besonders stolz bin ich auf das lesenswerte Vorwort meiner Frau und auf die dreieinhalb Seiten, die mein Sohn Sebastian beigesteuert hat", sagt Walter. Sie zeigen ihn aus einem völlig neuen Blickwinkel - als den Vater, der beim Fußballspielen immer mit auf dem Platz stand und der auf dem Hamburger Dom keinen Respekt vor den schnellsten Karussells zeigte. Persönlicher kann Persönliches kaum sein.

Zur Veröffentlichung trug Peter Walter am Mittwochabend einige Passagen seines Buches in der Stadtbücherei vor. Immer wieder gab es Zwischenapplaus, vergnügte Lacher, nachdenkliches Räuspern, wenn sich die Anwesenden aus Politik und Verwaltung in den Geschichten wieder gefunden hatten. Die mehr als 150 Gäste dankten Peter Walter für das besondere Buch über ein besonderes Leben mit lang anhaltendem Applaus. "Es ist doch schön, in Geesthacht zu leben", sagte Walter leise und gerührt, bevor er die ersten Bücher mit persönlichen Widmungen versah.

Das Buch "Meine Zeit bei Helmut Schmidt und als Bürgermeister Geesthachts" hat 228 Seiten und ist ab sofort für 16,80 Euro im Handel - unter anderem in der Stadtbuchhandlung Geesthacht - erhältlich. Es kann auch in der Stadtbücherei Geesthacht ausgeliehen werden.

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