Geschichte

Eine Affäre, die noch heute spaltet

Geesthacht. Januar 1963 in Geesthacht: Der Zweite Weltkrieg ist seit knapp 18 Jahren Geschichte, die Schrecken des Nationalsozialismus sind in vielen Familien Tabuthema. Doch die junge Generation beginnt Fragen zu stellen, sich politisch zu organisieren, sich einzumischen.

Am Otto-Hahn-Gymnasium (OHG) wählen die Jugendlichen eine Schülermitverwaltung, regelmäßig diskutieren Schüler der oberen Jahrgänge mit Politikern, Gewerkschaftern oder Offizieren. Als zur siebten Geschichtsfragestunde am 22. Januar 1963 aus einer Mischung von Naivität und Faszination der Hitler-Nachfolger und NS-Großadmiral Karl Dönitz an das OHG eingeladen wird, entfesselt sich innerhalb von Wochen ein Sturm der Entrüstung, der Zeitungen von Frankreich bis Russland beschäftigt. Die Dönitz-Affäre.

Die Diskussion wühlte extremste politische Emotionen auf - und endete tragisch: Der an der Einladung unbeteiligte und als unpolitisch geltende Schuldirektor Georg Rühsen konnte dem öffentlichen Druck nicht mehr standhalten und nahm sich das Leben. Den Kontakt zu Dönitz hatte der Geschichtslehrer Heinrich Kock hergestellt, die Einladung sprach der Schulsprecher aus - der spätere Ministerpräsident Uwe Barschel.

Fast 50 Jahre später ist das Interesse an der wohl folgenreichsten Episode des OHG groß. 50 Zuhörer zog ein Vortrag über die Affäre am Donnerstagabend ins Krügersche Haus. Weitere Gäste standen vor verschlossenen Türen, der Saal war restlos ausverkauft. "Ich finde das Interesse wirklich erstaunlich", sagte Historiker Dieter Hartwig. Der Dönitz-Forscher skizzierte das Leben des Hitler-Nachfolgers und präsentierte neue Forschungen. So widersprach er auch dem Bild des "sauberen Offiziers" und führte unter anderem antisemitische Reden von Dönitz an - zeigte aber auch auf, dass sich das Bild des anpackenden, schneidigen Militärs wie ein roter Faden durch Dönitz' Biografie zog.

Das erlebten auch die Schüler des OHG 1963: "Ich erinnere mich, wie er mit einer Führungsbegabung aufrecht in den Saal kam und jedem Lehrer die Hand gab - wie bei einer U-Boot-Besatzung", so Lutz Fähser, der damals als Schüler mit im Saal saß und jetzt über seine Erlebnisse referierte. Fast zwei Stunden redete Dönitz demnach über Krieg und Marinetaktiken, seine militaristischen bis faschistischen Gedanken trafen auf keinen öffentlichen Widerspruch. "Er bekam wohl gerade wegen einer unvermuteten, sicher geschickten Demut Applaus", sagte Fähser. "Er sprach davon, wie er durch Macht verdorben wurde, und dass nur Demokratie letztlich Bestand habe." Insbesondere die Lehrer sollen wie "betrunken" an den Lippen des ehemaligen Großadmirals gehangen haben, erinnerte sich der Geesthachter. Nur ein Pädagoge verließ aus Protest den Saal.

Wie sich in der Diskussion im Krügerschen Haus zeigte, hatten sich die OHG-Schüler vor der Fragestunde höchst unterschiedlich mit der Person Dönitz und dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. "Ich besitze das Klassenbuch von 1963. Wir haben nicht eine Stunde über den Nationalsozialismus gesprochen", berichtete eine ehemalige Schülerin. Eine andere Klasse hatte dagegen ausführlich über den Krieg diskutiert. Darüber hinaus gab es viele Gespräche unter den Schülern. "Die Schülerschaft war betroffen und zornig zu der Zeit. Das Thema Krieg war bei uns lebendig, wir alle sprachen darüber", so Fähser. "Auseinandergenommen" habe man Dönitz aber nicht. "Wir haben uns nicht bemüht, ein objektives Geschichtsbild herzustellen, sondern Dönitz als Quelle für eine Zeit benutzt, die uns so viel Kopfzerbrechen bereitet hat", sagt Fähser rückblickend. Was ausblieb, war die kritische Aufbereitung des Besuchs. Selbst nach den Presseveröffentlichungen und dem Tod des Schulleiters gab es nur gegenseitige Schuldzuweisungen - und eine Mauer des Schweigens.

Als Fähser ein Jahr später in seiner Rede zum Schulabschluss kritische Worte zur Dönitz-Affäre aufgriff, diskutierte die Lehrerschaft sogar über einen Entzug des Abiturzeugnisses des Geesthachters. In Geesthacht war die Diskussion am Donnerstagabend laut Stadtarchivar William Boehart sogar die erste öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema - nach fast 50 Jahren.

Und auch heute spaltet die Affäre offenbar noch die Gemüter: So schoben im Krügerschen Haus einige Zuhörer die alleinige Schuld für die Affäre auf die Medien, die das Thema aufgebauscht hätten. Es sei doch nicht verwerflich, mit einem Zeitzeugen aus der Nachbarschaft zu diskutieren, sagte ein Gast.

Hartwig fühlte sich durch diese Äußerungen zurückversetzt ins Jahr 1963: "Genau so verlief damals die Diskussion in den Leserbriefspalten", sagte der Historiker. Die damalige Entrüstung sei allerdings angemessen gewesen, betont der Forscher: "Dönitz war nicht nur ein Zeitzeuge des Dritten Reiches sondern viel mehr. Den konnte man nicht auf Schüler loslassen, die keine Ahnung haben."

Die Geesthachter Geschichtssprechstunde blieb der einzige Besuch von Dönitz an einer Schule. "Über seine Rolle im NS-System hat er nie öffentlich Rechenschaft abgelegt", so Hartwig. Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Geesthachter Affäre verspricht der Historiker in einem Buch über Dönitz, das ab September im Buchhandel erhältlich ist.

Weitere Informationen zum Thema Dönitz-Affäre gibt es im Geesthachter Stadtarchiv.

"Die Schülerschaft war betroffen und zornig zu der Zeit." Lutz Fähser, Zeitzeuge

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