Schifffahrt

Der letzte Kapitän der "Otto Hahn"

Fünf Jahre führte Ralf Matheisel das Kommando auf dem Atomschiff. Nun wird der mehrfach umgebaute Frachter in Bangladesh abgewrackt.

Ein entscheidender Weggefährte von Ralf Matheisel hat seine letzte Reise angetreten - sagt der Volksmund. Doch in diesem Fall stimmt das Bild. Denn der Mehrzweckfrachter "Madre" hat den Hafen von Abu Dhabi verlassen. Sein Bug wird noch einmal vom Wasser des Indischen Ozeans umspült, bevor das Schiff jetzt in Bangladesh abgewrackt wird. Einst haben sich die Wege des Frachters der griechischen Reederei Alon Maritime Corporation und des 72-jährigen Rentners Matheisel aus Bardowick gekreuzt. Damals hieß die "Madre" allerdings noch "Otto Hahn" und war als erstes und einziges atombetriebenes Frachtschiff der Bundesrepublik auf den Weltmeeren unterwegs. Und Ralf Matheisel stand auf der Brücke, denn er war fünf Jahre lang Kapitän der "Otto Hahn".

"Eigentlich war die 'Otto Hahn' ein ganz normales Dampfschiff mit Turbine und so weiter. Nur der Dampferzeuger, das war eben ein Reaktor", sagt Matheisel. Doch der Kapitän a. D. weiß sehr genau, was für eine Besonderheit er jahrelang gesteuert hat. Schließlich gehörten zur Schiffsbesatzung diverse Ingenieure und Sicherheitsbeauftragte. Zudem gab es Platz für repräsentative Zwecke. Denn in nahezu jedem Hafen, den das Schiff anlief, kamen unzählige Besucher an Bord, darunter auch Prominenz wie Prinz Claus der Niederlande. Für Matheisel war das immer wieder eine Erinnerung daran, wie ungewöhnlich "sein" Schiff war.

Routine kam deshalb niemals auf. "Das durfte auch nicht passieren, denn dann wäre man unvorsichtig geworden." Bedenken fuhren immer mit. "Wir haben ja alle praktisch auf dem Reaktor geschlafen, deshalb hatten wir ein ganz persönliches Interesse, dass nichts passiert." Bei allen Knautschzonen und Sicherheitsvorkehrungen galt es etwa Kollisionen mit anderen Schiffen unter allen Umständen zu vermeiden und Sabotage vorzubeugen. Deshalb wurden Besucher penibel untersucht. "Allerdings waren die Meere damals sicherer als heute", erinnert sich Matheisel.

650 000 Seemeilen - 30 Erdumrundungen - legte die "Otto Hahn" zurück, bevor der Reaktor bei der GKSS in Geesthacht demontiert wurde. Sie war als Forschungsschiff und Frachter unterwegs, transportierte Getreide, Erze, Phospate und Anthrazite. Matheisel steuerte Häfen in Südafrika und Südamerika an. "Es ging darum, auszuloten, wie man Kernenergie in der Schifffahrt sinnvoll einsetzen kann", sagt Matheisel. Wo bei anderen Schiffen für eine große Fahrt etliche 1000 Tonnen Brennstoff benötigt wurden, reichten der "Otto Hahn" elf Kilogramm Uran. "Man wollte beweisen, dass sie wie jedes andere Schiff Ladung fahren und in die Häfen einlaufen kann." Doch genau dieser Punkt sollte sich nicht bewahrheiten. "Das Risiko, dass dem Schiff das Einlaufen in einen Hafen aufgrund der Tatsache, dass es ein Nuklearschiff ist, nicht gewährt wird, war einfach zu groß." 60 Millionen D-Mark für neue Brennelemente wurden 1979 nicht bewilligt und Ralf Matheisel ging an Land, arbeitete bis zur Rente im Bereich Maritime Logistik bei der GKSS.

Als man ihn bei der Reederei Krupp Seeschifffahrt damals fragte, ob er Lust hätte, auf dem Nuklearschiff zu fahren, sagte er aus großem Interesse zu. Seine Einstellung zur Kernenergie hat sich seither etwas verändert. "Damals wusste man wenig über Spätfolgen oder die Probleme, die einst die Frage der Endlagerung mit sich bringen wird." Proteste gegen die "Otto Hahn" hat Käpt'n Matheisel übrigens nie erlebt.

"Wir haben alle praktisch auf dem Reaktor geschlafen, deshalb hatten wir ein persönliches Interesse, dass nichts passiert."

Ralf Matheißel, Kapitän