"Gastgeschenke"

Es ist die Balance zwischen Skurrilem und der Realität, mit der Kerstin Nethövels "Gastgeschenke" die Jury des AstroArt-Literaturwettbewerbs 2015 überzeugt hat: Ihre Kurzgeschichte wurde einstimmig als beste gewählt. Beim großen Finale des Wettbewerbs morgen ab 18 Uhr im Schloss wird sie ihr Werk live vortragen. Auch die Autoren der Plätze zwei bis fünf reisen an - darunter Schloss-Schreiberin Susan Schröder. Sie wird feierlich ins Amt eingeführt. Der Eintritt ist frei.

Behalten? Aber was? Das Fahrrad bekam der Gärtner. Er fand es in der Garage, als er nach einer Heckenschere suchte. Ich hatte ihn gebeten, das Efeu am Haus zurückzuschneiden. Ich könnte es gebrauchen, dieses Rad, sagte er. Dann nehmen Sie es doch. Mir fiel nichts ein, was ich sonst mit dem Rad hätte tun sollen. Es war ein klassisches silbernes Herrenrad, das wahrscheinlich für immer und unbemerkt an diesem Platz gestanden hätte. Die Armbanduhren bekam auch der Gärtner. Sie lagen auf dem Tisch, als ich ihm das Geld gab. Ich hatte ihn ins Haus gebeten. Nach der Arbeit saß er gern eine Weile im Wintergarten und trank Cola. Er nahm eine Uhr in die Hand und ließ sie durch die Finger gleiten. Schöne Uhr, wirklich, eine schöne Uhr. Behalten Sie sie, sagte ich. Behalten Sie sie. Und die andere? Er zeigte mit dem Finger auf die zweite Armbanduhr. Wissen Sie, mein Sohn, er besitzt auch keine. Er grinste mich an. Gut, sagte ich. In Ordnung. Bringen Sie die Uhr Ihrem Sohn.

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Am nächsten Morgen saß ich auf dem Sofa und blätterte Fotoalben durch, während der Gärtner draußen den Rasen mähte. Urlaubsbilder. Am Strand, in den Bergen, Fotos im Garten, auf Ausflügen. Alle stammten aus der Zeit, als die Kinder klein waren. Ich beobachtete, wie der Gärtner gemütlich seine Bahnen zog. Er könnte schneller arbeiten, dachte ich, und überschlug im Kopf die Zeit, aber ich erinnerte mich nicht, wann er mit der Arbeit begonnen hatte. Später, als die Kinder groß waren, endeten die Bilder. Ich sah wieder aus dem Fenster, weil ich das Brummen des Motors vermisste. Der Gärtner lag unter dem Kirschbaum. Es gab auch Bilder aus einer anderen Zeit, aus der Zeit lange vor den Kindern. Seine eigenen Kindheitsfotos, Aufnahmen in Schwarz-Weiß, verheißungsvoll und vielversprechend, weil zu diesem Zeitpunkt alles noch möglich war, keine Richtung eingeschlagen, nichts ausgewählt und nichts entschieden. Erleichtert sah ich, wie der Gärtner wieder seine Bahnen zog. Dabei war längst alles festgelegt. Ich klappte die Alben zu und schob die Kartons mit den Fotos fort. Soll der Gärtner alles zum Container bringen.

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Ich schreckte hoch, als jemand gegen die Scheibe klopfte. Der Gärtner zog die Nase kraus und schirmte die Augen mit beiden Händen gegen das Licht ab, um besser sehen zu können. Ich brauche den Rechen, sagte er, als ich auf die Terrasse trat. Die Kellertür ist abgeschlossen. Ich begleitete ihn nach unten und öffnete ihm die Tür. Eine Weile suchte er zwischen den Geräten herum, bis er den Rechen gefunden hatte. Ich wartete am unteren Treppenabsatz auf ihn. Als er auf mich zukam, fiel sein Blick auf die beiden Koffer. Er blieb stehen und sah sie sich an. Feine Koffer, sagte er bewundernd. Schön bequem. Mit Rollen. Lassen sich leicht ziehen. Wir haben so viel Gepäck, wissen Sie. Wollen verreisen. Lange? Sehr lange. Eine schöne Reise in die Ferne. Wohin? Weit. Sehr weit. Viel Gepäck. Große Familie. Ein paar Wochen. Ich nickte. Den?, fragte er enttäuscht, als ich ihm mit dem Fuß den grünen Koffer zuschob. Ja, sagte ich, den. Wir standen uns einen Augenblick wortlos gegenüber. Das T-Shirt spannte sich über seinem Bauch. Sie arbeiten ziemlich langsam, oder? Er machte ein erstauntes Gesicht. Viel Rasen, erklärte er, die Fläche ist sehr groß. Außerdem ... Er zögerte, sah mich unsicher an. Die Reise, sie ist nicht billig. Ich muss viel arbeiten. Muss den Flug bezahlen, für alle. Für die ganze Familie. Ein paar Wochen, wissen Sie. Ein paar Wochen, sonst lohnt es sich nicht. Viele Stunden Arbeit sind das. Viele, sehr viele. Ja, ja, sagte ich, verstehe. Verstehe schon.

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Einen Tag später lag der Gärtner auf den Knien und ging mit der Rasenschere an den Beeten entlang. Ich sah ihn, als ich gerade frühstücken wollte. Ich wusste wieder nicht, seit wann er eigentlich schon da war. Seit einiger Zeit klingelte er nicht mehr, wenn er kam, sondern lief gleich um das Haus und fing hinten irgendetwas zu arbeiten an. Vom Fenster aus sah ich, wie er sich aufrichtete, jemandem winkte, nickte, etwas rief. Ich trat aus der Terrassentür und ging quer über die Wiese auf ihn zu. Er grüßte flüchtig in meine Richtung, als er mich kommen sah, und rief wieder etwas nach vorn, zur Straße hin. Ich blickte um die Hausecke. Im Vorgarten lockerte ein junger Mann die Erde auf. Wer ist das? Ich ging am Haus entlang nach vorn, der Gärtner lief eilig hinter mir her. Das ist mein Sohn, japste er, als der Sohn gerade ein grünes Büschel aus der Erde zog und in seinen Eimer warf. So geht es schneller. Kann sein, dachte ich. Kann sein. Der Eimer war noch leer. Ich dachte, dass ich mich später mit dem Gärtner unterhalten sollte, dass wir irgendetwas vereinbaren sollten. Der Sohn stützte sich auf den Stiel seiner Harke, sah mich ausdruckslos an. An seinem Handgelenk blitzte die neue Armbanduhr.

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Am Ende des Nachmittags saßen der Gärtner und sein Sohn im Wintergarten und tranken Cola. In ihren Gläsern klirrten Eiswürfel. Ich nahm an, dass sie sich aus dem Eisfach in der Küche bedient hatten. Ab und zu zerkaute jemand mit knackendem Geräusch etwas Eis. Stört es Sie, wenn wir rauchen? Nein, sagte ich, nein, das stört mich nicht. Fühlen Sie sich wie zu Hause.

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Irgendwann kam der Gärtner und verlangte den Autoschlüssel. Wofür das denn? Ich muss den Grünschnitt wegbringen und die Müllsäcke mit dem gemähten Gras. Dafür brauche ich das Auto. Das leuchtete mir ein. In Ordnung, sagte ich, und ließ den Autoschlüssel in seine schwielige Hand fallen. Nachdem er einige Male hin und her gelaufen war und blaue Plastiksäcke zum Auto geschleppt hatte, sah ich, wie er den schwarzen Koffer aus dem Keller die Treppe hinauftrug und offensichtlich dabei war, ihn ebenfalls zum Auto zu bringen. Was machen Sie denn da? Ich ging zu ihm hin. Tja, wissen Sie. Meine Frau ... Er kratzte sich am Kopf. Der grüne Koffer, also, der schwarze Koffer, der ... der würde ihr besser gefallen ... Wissen Sie. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich den schwarzen Koffer mitnehme, oder? Nein, sagte ich. Nein. Dagegen habe ich nichts. Behalten Sie ruhig den Koffer.

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Am anstrengendsten waren die Kleidersäcke. Das ganze Haus barg irgendwelche Gerüche, Gerüche von alten Möbeln, alten Büchern, altem Leder, aber am meisten hingen sie in den Kleidern. Viel Platz haben Sie hier. Sehr viel Platz. Der Gärtner war ins Zimmer getreten, ohne dass ich ihn bemerkt hatte, und sah sich staunend um. Die Schranktüren waren weit geöffnet. Hat meine Größe gehabt, ihr Mann. Der Gärtner fischte ein T-Shirt aus einer der Tüten und hielt es sich vor den Bauch. Bedienen Sie sich, sagte ich. Bedienen Sie sich. Könnten Sie die Säcke dann an die Straße stellen? Für die Altkleidersammlung. Er musterte sich vor dem Spiegel. Behalten Sie das T-Shirt doch gleich an.

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Endlich klingelte es an der Tür. Als ich öffnete, standen alle vor mir: Der Gärtner, sein Sohn, seine Frau, seine Tochter, der Neffe, der Schwager und einige andere, die ich nicht kannte. Der Urlaub, wissen Sie. Na ja, zu teuer für uns. Sie verstehen schon. Der Flug und alles. Wir sind eine große Familie. Das kostet. Sicher, sagte ich. Schon klar. Sie hatten auch den grünen und den schwarzen Koffer dabei, die notdürftig mit Seilen umwickelt waren. Kleidung quoll aus beiden hervor. Entschuldigung, darf ich? Der Gärtner schob mich zur Seite und ging an mir vorbei ins Haus. Alle anderen folgten ihm. Ich schloss behutsam die Tür hinter ihnen. Grußlos waren sie an mir vorübergegangen.

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Der Gärtner wartete am Ende des Flurs auf mich. Über seine Schulter sah ich, wie sich sein Sohn und sein Neffe auf das Sofa fallen ließen. Er stand unschlüssig vor mir und kam nicht recht mit der Sprache heraus. Ich wandte mich ab, wollte ihn stehen lassen, irgendwohin gehen. Moment, rief er. Ich drehte mich um. Der Schlüssel. Er streckte seine schwielige Hand aus und hielt sie mir hin. Einen Augenblick lang erstarrte ich. Panik stieg in mir auf. Die Hand hing in der Luft. Seelenruhig sah der Gärtner mir ins Gesicht und wartete. Sie haben doch nichts dagegen? Ein paar Wochen nur! Ja, ja, sagte ich, verstehe. Verstehe schon. Dagegen habe ich nichts. Ein paar Wochen nur. Ich hörte sie im Haus lachen, als die Tür hinter mir ins Schloss fiel.

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