"Schmerzwellen"

Ich liege auf einem Weg, mit braunen Nadeln bedeckt. Da ist der Geruch nach Moos, Pilzen, Regen und Erde. Baumnadeln stechen in meine nackten Arme, in das Stückchen Haut, das mein hochgerutschtes Hemd am Rücken freigibt.

Der Rücken scheint auseinandergebrochen, die Schmerzen sind heftig, unerträglich. Ich kann mich kaum bewegen. Mit jedem Atemzug fährt ein elektrischer Schlag in die Beine hinunter, hinterlässt Übelkeit erregende Schmerzen.

Ich betaste vorsichtig die Körperstellen, die ich zu erreichen vermag. Blut bleibt auf der Hand kleben, als ich meinen Kopf berühre.

Der Schwindel kommt in immer kürzeren Abständen.

*

Ein Surren entsteht in meinen Ohren, es wird schnell lauter.

Ich sehe es erneut, das Abrutschen den Hang hinunter, die Hände in die lockere, bröckelnde Erde gekrallt, die Füße, ohne Halt, wild strampelnd, spüre Felsen, die die Haut an Knien und Armen aufschürfen, das Reißen von Haut an meinem Hals, das Hinweggleiten über die Kante und der freie Fall, kurz und entscheidend. Dann der Aufprall auf dem Rücken und das Knacksen darin. Ein kurzes Atmen, und dann die Schmerzexplosion, die mit einer gewaltigen Druckwelle durch meinen Körper schießt und meine Augen zudrückt.

Und dann das Aufwachen, unscharf erkennen, dass ich von Nadeln bedeckt bin, dass Laub auf den Wunden meiner Arme klebt, und, gottlob, die Beine bewegt werden können. Der Gedanke an das Warum füllt unmittelbar alles aus. Von einem Moment auf den anderen scheint mein Leben vollkommen verändert.

Das Surren in meinen Ohren endet abrupt und eine unerträgliche Stille setzt ein.

Dann höre ich es.

*

Seine Schritte dröhnen durch den Wald. Ich denke an Rettung, aber nur einige Augenblicke lang, dann wird mir mein Irrtum klar. Von dort, wo der Weg eine Biegung macht, wird er kommen, ich spüre das Nichts, das er vorausschickt, als Warnung. Es will meine Gedanken auflösen, sie in sich hineinsaugen, verschlucken, ohne einen Nachhall zu hinterlassen, wie um die Erinnerung daran zu verwischen, dass sie je existiert haben. Ich soll mich auflösen, alles an mir, alles das mich ausmachte. Es soll davongetragen werden, einverleibt von kleinen Lebewesen, geduldig von der Zeit zu Staub gemacht, den der Wind fortträgt.

Ich sehe die Schatten seines Antlitzes in kurz aufblitzenden Momenten. Er wirft sie auf mich, ohne sich endgültig zu offenbaren.

Es ist Zeit aufzustehen, von hier fortzukommen.

*

An einem, in den Weg ragenden Ast, ziehe ich mich hoch. Die Muskeln meiner Arme spannen sich zum Zerreißen, halten mich aufrecht, dass ich stehen kann. Es sticht in meine Beine hinab in unzähligen Messerhieben. Mein Rücken brennt wie Feuer, die Wirbel knarren wie Türen in einem verfallenen Haus.

Mir ist, als bräche ich in mir selbst ein, als zerbarsten die Knochen, als zerrissen die Muskeln. Das Fleisch hängt drückend schwer an einem zu schwachen Gerüst und ich muss mich wieder niedersinken lassen auf die Erde. Ich sehe das Blut dunkel in den Boden sickern, das aus mir herausläuft, vom Kopf, aus Adern an meinem Hals.

Mir wird klar, dass ich schon längst verloren habe, dass es nur eine Gewohnheit ist zu leben, weil man immer lebt. Die Erkenntnis, dass es das Ende wirklich gibt, bricht in mich ein und ich sehe, dass ich es nur jetzt verstehen kann, erst jetzt, da es tatsächlich nahe ist.

*

"Ich habe von dir gehört und ich habe von dir gewusst. Aber ich habe nicht verstanden, dass es dich gibt!", rufe ich in den Wald dem Tod zu. Er wird nicht mehr lange ausbleiben. Und je näher er kommt, desto mehr Angst habe ich vor dem Moment, in dem er in die Kurve des Weges treten wird und ich ihn ansehen muss. Seine Schritte dröhnen in meinen Ohren.

Die Schmerzen werden stärker, sie malträtieren mich, halten mich fern von einem sanften Dahinschwinden, sie zerren eine Kraft in mir hervor, die sich gegen das Verschwinden wehrt.

So sehr ich mich dem warmen, sanften Gefühl der Schwäche hingeben will, das sich mir anbietet, ich kann es nicht. Die Schmerzen verlangen meine Konzentration und Aufmerksamkeit. Ich kann nicht einschlafen, mich ausruhen, denn sie kommen in Wellen und schlagen im Sekundentakt über mir zusammen. Sie begraben mich, nehmen mir die Luft zum Atmen, verlangen, dass ich mich wieder frei strampele, bei Bewusstsein bleibe, kämpfe.

*

Der Tod tritt in den Hintergrund, ich spüre, wie er zurückweicht. Wohl nur, um zu warten auf eine erneute Entspanntheit und Schwäche. Einen Moment lang rufe ich ihn zurück, denn die Schmerzen pressen unablässig Tränen aus meinen Augen, lassen mich laut aufschreien. Der Tod erscheint mir als die Erlösung, obwohl er schreiende Angst, tosende Panik in mir hervorruft. Ich will nicht, will schon, will nicht, will schon - im Takt der Schmerzwellen. Ich möchte die Schmerzen loshaben, aber ich will meinen Körper, mein Leben nicht aufgeben, nicht jetzt, nie.

Ich versuche, mich zu schützen mit dem Gedanken an Rettung.

*

Sie werden mich finden, hier, bald. Jemand wird kommen, mich entdecken, mit zitternden Händen eine Nummer wählen, mich trösten. Bald danach werden andere mich auf eine Trage legen und wegbringen. Ich werde in einem Bett in weißen Laken liegen und gesund werden.

Denn ist der Schmerz im Rücken und in den Beinen auch unerträglich, so verrät er mir, dass noch Leben darin ist. Ich werde laufen können.

Mein Blick wird angezogen von einem Punkt in der Kurve. Ein dünner Sonnenstrahl erleuchtet ihn. Von dort werden sie kommen. Ich warte.

*

Der Sonnenstrahl wandert langsam von dem Punkt fort, über den Stamm eines Baumes hoch, langsam über die glänzenden Blätter in der Krone, und verlöscht dann schließlich.

Der Schatten, das Dunkel breitet sich aus, schluckt mich.

Und als ich ins Schwarz eintauche, da sehe ich sie plötzlich. Hier warten sie auf mich. Verpasste Gelegenheiten.

Säuberlich aufgereiht, Perlenschnüre aus unzähligen Momenten überwältigen mich mit aller Wucht. Da sind die Momente, in denen ich etwas Wertvolles hätte tun können, Momente, in denen ich nicht gelebt, aus Feigheit gepasst, nichts gewagt hatte, nicht kreativ gewesen war, sondern sitzen geblieben war, vor dem Fernseher.

*

Die Perlen werden zu Tränen, die aus meinen Augen rollen, über meine Wangen hinab, um auf einem silbern glitzernden Stein unter mir zu zerplatzen. Ich weine um die Gelegenheiten, um sie alle, und mein Selbstmitleid schwemmt immer neue von ihnen hoch, führt sie mir vor, füllt meine Erinnerungen aus. Was hatte ich alles tun wollen? Was hatte ich verwirklichen wollen? Was würde ich nachholen, wenn ich nur gerettet würde?

Was mir zu mühsam und zu gefährlich gewesen war, das erscheint mir nun plötzlich als einfach. Ich würde es nur tun müssen, dieses und jenes - kein Problem - alles nur eine Frage des Mutes. Ich würde mein Leben vollkommen ändern, verbessern. Mit einem Mal weiß ich, wie ich ab nun leben muss, wenn ich nur gerettet würde!

*

Ich beginne zu verhandeln, mit unbekannten Mächten, feilsche um meine Freiheit, meine Unversehrtheit, meine Schmerzlosigkeit, flehe darum, die verpassten Gelegenheiten nachholen zu dürfen. Zugleich verzweifle ich darüber, dass ich hinabgestürzt bin, nicht besser aufgepasst habe, so leichtfertig gewesen war.

Ich weine darüber bis mir der Kopf dröhnt, bis keine Träne mehr kommen will. Dann erfasst mich eine neue Schmerzwelle, ich muss mich konzentrieren, werde hinaufgetragen auf die Schmerzkämme, hinunter in Schmerztäler, mir schwindelt und gleichzeitig erfasst mich bodenlose Verzweiflung.

Und da taucht seine Gestalt in der Kurve auf.

Sein Schatten fällt auf mich und endlich verklingt das Dröhnen seiner Schritte.

Er ist da.

*

Der Atem bleibt mir weg, der Schmerz verschwindet, die Gedanken verflüchtigen sich, die Schatten durchfluten alles.

Als ich zu mir komme, stehen Menschen um mich herum. Sie fragen mich etwas, das ich nicht verstehe, betasten meinen Kopf, meine Gliedmaßen, mein Gesicht. Ihre Mienen sind ernst.

Die Schmerzen in meinem Rücken hämmern, immer noch sickert Blut aus meinem Kopf, auf ein Tuch, das sie mir gegen die Schläfen pressen und ein anderes, das sie gegen meine Halsschlagader drücken.

"Es wird alles gut", sage ich.

*

Aber in diesem Moment schon erkenne den wohl bekannten, modrigen Geruch der Feigheit. Er blitzt in mir auf, während die Menschen mich noch zweifelnd ansehen, einander fragen, ob ich sterben werde. Ich weiß schon, dass ich gerettet bin, denn sie flattern auf, schweben seufzend an mir vorüber, die verpassten Gelegenheiten und raunen mir etwas zu: "Wir wissen, dass du uns nicht mehr ernst nimmst, nicht jetzt, wo das Blaulicht des Rettungswagens schon zu sehen ist."

Ich möchte widersprechen, doch ich kann es nicht. Es zieht mich zurück in mein Leben, mein altgewohntes Denken, in das enge Sicherheitsnetz meiner bekannten Welt. Ich habe die unbestimmte Lebenszeit zurückgewonnen, und ich sehe sie verschwinden, die verpassten Gelegenheiten, unten an der Biegung des Weges, dort, wo der Tod gelauert hat. Ich frage mich, wie ich sie festhalten, ob ich sie festhalten kann.

*

Und gleichzeitig weiß ich, dass es erneut passieren wird.

Ich werde den Tod verdrängen.

Bis zum nächsten Mal.

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