"Einmal im Leben"

Diese skurrile Kurzgeschichte begeisterte die Jury des AstroArt-Literaturwettbewerbs. Sie hob das Werk von Susan Schröder auf Platz vier unter den 535 Einsendungen. Zudem wurde die Berlinerin als Schloss-Schreiberin 2015 ausgewählt, wird den September also in Bergedorfs Wahrzeichen arbeiten und zu diversen Lesungen und Aktionen einladen.

Ihre "Amtseinführung" ist am Sonnabend, 29. August, ab 18 Uhr im Schloss. Bei freiem Eintritt lesen alle fünf AstroArt-Preisträger ihre Beiträge und werden von der Jury vorgestellt.

Die Zeiger sprangen einen Satz nach vorn und mit der nächsten Sekunde zu weit zurück, wodurch Unsicherheit über die tatsächliche Zeit bestand. "Nun dann", rief einer der Lauten, "Prosit und was man sonst noch so sagt!" Jana wendete sich ab vom Gelärm, wissend, dass nur Loser und Loserinnen Neujahresvorsätze festschrieben, weswegen sie unsicher war: mitmischen oder verheimlichen? Sie entschied sich für Geheimniskrämerei. Leise schloss sie die Badtür hinter sich und ließ sich auf den Klodeckel sinken und hörte in sich hinein. Leere vernahm sie. Sie schrieb wenig überzeugt: "Ich möchte mich dieses Jahr weniger entscheiden müssen." Mit hochgezogener Augenbraue, die an ihren Haaransatz stieß, riss sie den Zettel vom Block, zerknüllte ihn und warf ihn angewidert in den Badmülleimer. Beim Blick hinein, sah sie andere zerknüllte Zettel. Mit spitzen Fingern entnahm sie dem Eimer die oben aufliegenden. Sie las: "Ich möchte leichter sein" und grinste. "Das wird mein Jahr!!!" Jana lachte ein kehliges Lachen. "Ich möchte Wollen!" "Ja", entfuhr es ihr. Beim Lesen der Zettel setzte ein gutes Gefühl ein, was nicht allein mit diesem Neujahresquatsch zu tun hatte. Beim erneuten Lauschen in ihr Inneres blitzte ein noch nie gedachter Gedanke in ihr auf, eine richtige Schnapsidee. In ihrer Sektlaune schrieb Jana: "Ich möchte diesjährige Kartoffelkönigin von Bad Düben werden." Der Zettel zerriss unter dem Stift, den sie mit solcher Vehemenz aufdrückte, dass die Mine sich bog. Erleichtert über diesen wunderbaren Einfall spülte sie und verließ das Badezimmer und kurz darauf die Party.

Zu Hause gönnte sich Jana einen Piccolo, breitete auf ihrem Küchentisch A 3-Blätter und farbige Stifte aus und begann ein sektgelauntes Brainstorming. Sie schrieb in hoffnungsvollem Grün: KARTOFFELKÖNIGIN. In solidem Schwarz: Bad Düben. Sie wusste nicht einmal genau, wo das lag und zog ihren Rechner zu Rate. Gar nicht mal so weit weg von hier, dachte Jana, als sie auf die digitale Karte starrte. Mit einem Zeigefinger auf Bad Düben maß sie mit Daumen- und Augenmaß die Entfernungen nach Herzberg und Torgau. Schön, dachte sie und dass sie sich eine 2-Zimmerwohnung wünsche. Jana tippte: 'Bad Düben Wohnung mieten 2-Zimmer' ein. Ihre Augen weiteten sich als sie die Mietpreise sah. Die wohlige Stimmung des Abends hielt sich, genau jene, die Jana seit den letzten Sommertagen vermisste. Ja, dachte Jana, ja, ja, ja, ich will. Versuchsweise gab sie ein: 'Bad Düben, Wohnung mieten 3-Zimmer'. Die Angebotszahl vervierfachte sich, die Miete blieb nahezu gleich. Ein Audienzzimmer, das wäre das richtige für eine Kartoffelkönigin in spe, dachte Jana und schrieb: 1- Wohnung anmieten, 2- Umzug, 3- Transparent malen und aufhängen: Hier wohnt Ihre zukünftige KARTOFFELKÖNIGIN! Um die Botschaft weniger aufdringlich zu formulieren, verwendete sie Piktogramme: eine schöne rote Kartoffel, mit wenig Augen und eine gelbe Krone, reich verziert. Jana lachte sich schlapp und fühlte sich wohl und wohler. Mit einem Lächeln kippte sie den letzten Schluck Sekt in sich hinein und sich selbst ins Bett.

"Bruns, Herrmann Bruns", stellte sich der Bürgermeister von Bad Düben vor. "Sie sind die Neue, wie ich gehört habe?", fügte er den oft erprobten Witz an und schlug Jana dabei zu hart auf die Schulter. Sie japste nach Luft. "Herr Bruns, bitte kommen Sie doch herein. Wie wäre es mit einem Kartoffelschnäpschen?", sagte Jana eine Oktave zu hoch und zog Bruns an seiner fetten, schwitzigen Hand ins Audienzzimmer. "Sie wollen mich wohl bestechen?", scherzte Bruns und flatterte dabei mit seiner linken Hand in der Luft herum. "Achiwochen", sagte Jana schrill. "Na, mal Probesitzen?". Herr Bruns errötete. Alter feister Sack, dachte Jana. Als Bruns mit diesem gierigen Blick auf sie zusteuerte, gegen das Fußbänkchen trat, das er wegen seiner dicken Plauze nicht sehen konnte, und einen Ausfallschritt auf Jana zumachte, wobei sich seine extra angeleckten Lippen zu einem Kussschlund formten..., schreckte Jana klitschnass hoch. Als sie durch ihre roten Klüsen ihre eigenen vier Wände in Berlin wiedererkannte, ließ sie sich nach hinten fallen und strich ihre klebrigen Haare aus Stirn und Wangen.

Am 05. Januar machte sich Jana auf den Weg in ihre neue Wahlheimat. Ihre Augen haftete sie auf die befensterte Landschaft. Die zweite Wohnung mit Balkon direkt auf den Marktplatz, mit drei Zimmern zum unschlagbaren Nettowarmpreis von 481,30 Euro gefiel Jana besonders. Die Lage war perfekt für ihr Vorhaben, so dass sie zwei Mieten im Voraus und die Kaution in bar bezahlte.

Jana begann sich in der Stadt bekannt zu machen. Ihr Anwärterinnenstatus als Kartoffelkönigin wurde ihr alltagsbestimmendes Moment: Kartoffelschnäpschen und Kartoffelschälen. "Zwei Kilo am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen", sang sie mit zartem Stimmchen aus dem, trotz der frostigen Jahreszeit weit geöffnetes Fenster über den Marktplatz. Zwei Stunden briet Jana knusprig braune Kartoffelpufferherzen und machte sich dann auf, um ihren Bekanntheitsgrad zu steigern. Von Haus zu Haus bot sie ihre Herzen als Geschenke feil. Das schlauchte, aber steigerte ihren Bekanntheitsgrad und ihre Kräfte um das Anmeldungsprozedere auf sich zu nehmen. Die nachzuweisenden Aufgaben: Kartoffel-WISSEN, -SCHÄLGESCHWINDIGKEIT, -SCHNAPSSTANDFESTIGKEIT. Die potenziellen Königinnen standen vorm Rathaus Schlange. Viele hatten sich eingefunden und alle hatten diese auffällig knolligen Nasen, der Kartoffelsorte "Molli" ähnlich. Das ließ Jana stutzen. Schnell, um ihre Anmeldung nicht zu gefährden, eilte sie nach Hause, um nach geeignetem Material für eine eigene Knollnase zu suchen. Ihre Nase hatte eher etwas von Spargel, im Vergleich mit den anderen Bewerberinnen. Hektisch kramte sie in Kisten und Kästchen, überlegte krampfhaft, angestrengt. Als sie auf ihre Bastelkiste stieß, kam ihr die Idee: eine Knetnase! Mit kribbligen Fingern suchte sie nach passender Knete und formte eine lebensechte Molli nach. Mit einem farblosen Gummi befestigt, war sie mit dem vorläufigen Ergebnis sehr zufrieden. Sie flitzte zurück und meisterte die Aufgaben mit Bravour. Jana spürte: Sie hatte einen Lauf. Ausdauernd gab sie sich in den Frühjahresmonaten beste Mühe: briet, obwohl es ihr bereits zum Halse heraushing, Kartoffelpufferherzen, trank mit Miefke und Müller, mit Anatol und Zacharias bis zum Umfallen. 'Ihre Molli', wie sie Jana mittlerweile liebevoll nannte, legte sie nur noch abends im Bett ab. Die größte Herausforderung, die sich ihr in der Zeit von März bis August stellte, war, den richtigen Farbton ihrer Knetnase mit ihrer Gesichtsfarbe, die durch Erntehilfseinsätze farblich variierte, abzustimmen. Bis zum Tag der Entscheidung lief alles glatt. Janas Chancen standen ausgezeichnet. Und? Sie wurde tatsächlich und wahrhaftig als diesjährige Kartoffelkönigin gekürt! Jana konnte es nicht fassen, riss abwechselnd die Arme und die Beine in die Luft, hüpfte und hopste bis sie plötzlich von einem sich Kartoffelkäfer-schnell ausbreitenden Raunen, in ihrer Freude gebremst wurde. Zeigefinger zeigten auf sie, zerstachen die Luft, fixierten ihre Nase. Mit zitternden Fingern griff sich Jana in ihr Gesicht. Tatsächlich! Ihre lange schlanke Nase hatte sich einen Weg in die Frischluft gebahnt.

Mit Tränen in den Augen, wendete sich Jana zu ihrem Publikum. "Sehr verehrte Damen und Herren, ich danke Ihnen, dass ich mein Ziel wenigstens bis zur Ziellinie erreichen konnte. Dass nun doch alles anders kommt, begründet sich in meiner Physiognomie. Ich bitte Sie mir das zu entschuldigen. (PAUSE) Wir hatten doch eine gute Zeit, oder?" Bravo- und Hurra-Rufe verunmöglichten für halbe Minuten ein Weitersprechen. "Da es hier nicht klappte, hege ich die Hoffnung auf ein anderes Mal. Sie werden von mir hören. Seien sie gewiss, wenn es zu Ausschreibungen der Blumenkohlohrenkönigin kommt, Sie werden mich dort finden." Mit galanter Bewegung fuhr sich Jana durch die Haare und legte den Blick auf ihre röschenförmigen, knorpeligen Ohren frei. Tosender Applaus brach los und Jana machte sich wieder auf den Heimweg nach Berlin. Was sie dort erzählen würde, wusste sie noch nicht.

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