Bergedorf

"Jugendliche brauchen Schutz"

Sven Dahlgaard wünscht mehr Innovationen statt Institutionen - und geht in Vorruhestand

Soll der neue Mädchentreff in Neuallermöhe allen Ernstes Pissoirs bekommen? Das war eine der ersten Fragen, die bei seinem Amtsantritt in Bergedorf aufploppten. Außerdem musste die Trägerschaft für das Juzena geklärt werden. Und dann gab es noch diesen Missbrauchsskandal in einem Jugendhaus. "Das ist alles ewig her", sagt Sven Dahlgaard - und haut zur Sicherheit noch mal auf seinen antikbraunen Wecker: "Hurra, wir leben noch!", singen die kleinen Plastik-Kicker des FC St. Pauli.

Den Titeln nach klingt sein beruflicher Werdegang vom Regionalleiter des Jugendamtes zum Bergedorfer Sozialraummanager wenig sportlich. Doch bevor sich der 60-Jährige jetzt am Freitag von seinen Kollegen in den Vorruhestand verabschiedet (12 Uhr im Haus der Jugend Lichtwarkhaus), lässt sich die Spielzeit noch mal zurückdrehen: Hamburger Jung, kaufmännische Ausbildung, Studium der Sozialpädagogik. Und dann wurde es ernst, folgten 15 Jahre beim Diakonischen Werk in Schleswig-Holstein, wo Sven Dahlgaard für die außerschulische Bildung zuständig war. Er warb junge Migranten ("damals sagten wir noch Gastarbeiterkinder") für Berufsvorbereitungslehrgänge.

1989 dann ging er als Referatsleiter ins Hamburger Amt für Jugend: "Die Stelle war damals tatsächlich in der 'taz' inseriert", schmunzelt Dahlgaard. Zehn Jahre später lockte ihn Dezernentin Pia Wolters nach Bergedorf. Wo "Regionalleitung" draufsteht, ist auch Verwaltung drin: Zuwendungsvergabe für freie Träger, Unterhaltsvorschuss, Amtsvormundschaften, Steuerung des Sozialen Dienstes - klingt alles wenig sexy, ist aber wichtig und notwendig. Seit der Verwaltungsreform, die 2007 "neuen Geist" erwecken sollte, heißt das Ganze jetzt Sozialraummanagement. Und Sven Dahlgaard musste kräftig jonglieren - zwischen Bezirksamt, Politik und den Trägern der Jugendhilfe. Da wurde etwa das Juz Korachstraße geschlossen, "weil wir Anfang der 90er Kohle für das Clippo brauchten". Auch die vier Straßensozialarbeiter hingen ihre Outdoor-Jobs an den Nagel. Dann folgte die unentspannte "Schill-Zeit": Justizsenator Ronald Barnabas Schill stellte alles infrage: Mädchentreffs, Juz Vierlande und Unser Haus - sie überlebten dennoch.

Dafür wurde das Spielhaus Blaue Welle Jahre später in Neuallermöhe eingestampft - als Zahlentrick gegen die Zehn-Prozent-Kürzung in der Jugendarbeit. "Statt aber immer nur nach mehr Geld zu schreien, sollten die Pädagogen etwas innovativer werden", fordert Dahlgaard bis heute: Mehr Ferienangebote wären gut, dafür könne so ein Haus auch mal dienstags dicht bleiben. Außerdem müsste jeder Jugendtreff einen Facebook-Auftritt haben und mehr mit Schulen, Verbänden und Sportvereinen kooperieren. Bloß die Idee vom Bauspielplatz sieht er skeptisch: "Ob das noch einen Hype auslösen würde?"

Auch mit Siebdruck, Holzwerkstatt oder dem Modellbau von Segelflugzeugen locke man längst keine Jugendlichen mehr. Dahlgaard: "Wir müssen die Kinder aus prekären Lebensverhältnissen stärken. Die Jugendhäuser sind wie eine zweite Familie, eine Sozialisationsinstanz." Dabei denkt der 60-Jährige etwa an besoffene Väter, die den Kindern abends an die Wäsche wollen. Wie halten sie solche Situationen aus? "Sie müssen lernen, die Väter anzuschreien, ihre Tür abzuschließen, sich einem Lehrer anzuvertrauen. Das sind die Themen heutiger Jugendarbeit", weiß der Mann, der selbst in Billstedt wohnt.

Von da aus bewarb er sich übrigens 2008 für das Bürgermeisteramt in Lauenburg - doch der damalige Amtsinhaber hatte 230 Stimmen Vorsprung: "Schade, das wäre eine interessante Erfahrung gewesen", meint Dahlgaard. Seither bemüht er sich weiter um Bergedorf - und besucht "nebenbei" in Hamburg-Mitte die Ausschüsse für Jugendhilfe und Verkehr, spielt mal Golf oder renoviert mit seiner Frau das 90 Jahre alte Haus.

Ach, so einige Themen wären da noch offen. Etwa die von ihm immer wieder eingeforderte Kooperation von Haus Christo und dem Westibül: "Wir haben drei Bürgerhäuser im Umkreis von einem Kilometer. Das Geld wird nicht für alle reichen", mahnt der Sozialraummanager. Für andere Ziele hat er schon 450 000 Euro "gebunkert": So viel würde ein 400 Quadratmeter großes "Gewächshaus" für die Kinder- und Jugendarbeit kosten - eine entsprechende Bauzeichnung hängt im Rathausbüro. "So etwas hätte ich gern noch in der Nähe der Kirchwerder Schule eingeweiht. Oder als Ersatz für das HdJ im Lichtwarkhaus, das dann eine neue Bleibe finden muss." So toll die zusätzlichen Angebote an Ganztagsschulen auch sind: "Jugendliche brauchen auch Schutzräume zum Rumknutschen."

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