AstroArt-Literaturwettbewerb

"Wie Lichter im Meer"

Preisträger: Matthias Tonon (25) gewinnt mit dieser Kurzgeschichte den AstroArt-Literaturwettbewerb

Mein Kopf ist voller Gedankensplitter, die abends wie Glühwürmchen aus den Bäumen steigen, den Himmel erleuchten.

Dein Kopf ist leer. Du hast ihn ausgeräumt, damals am Flughafen, als du sagtest "Wir sehen uns bald wieder." Du hast noch kurz gewunken, bevor du dich umgedreht hast.

Wir waren Brüder im Kopf seit wir laufen konnten, dachten die gleichen Dinge und wuchsen nebeneinander durch Pubertät und Herzschmerz. Wir trugen uns gegenseitig durch jede Flut, pissten an elektrische Zäune und redeten die Nächte durch, wenn Beziehungen zerbrachen, bis es wieder hell wurde draußen und Liebe wieder einen Sinn machte. Wir waren unantastbar in unserem rücksichtslosen Stolpern und viel zu schnell für die Zeit. Du weißt, vorbeiziehende Jahre sind Lichter, die einen in entgegengesetzte Richtungen zerren, wenn man ihnen zu lange nachschaut.

Mitte April. Ich stehe am Strand von Nizza und werfe Steine in die Flut. Das Geräusch von klackenden Kieseln, jedes Mal, wenn das Meer ausholt und mit vollen Armen in die Engelsbucht greift. Ein blassgelber Mond, versenkt hinter Wolkenwänden, ein Fischerboot in der Ferne und der rot glimmende Leuchtturm am Ende der Kaimauer. Das Wasser milchblau, ganz egal ob Tag oder Nacht, immer das gleiche trübe Blau, selbst wenn der Tag kaum mehr Licht hat, es anzumalen. Möwen stürzen vom Himmel. Fische steigen aus dem Wasser, bleiben stehen in der Luft wie silberne Fackeln, ein Schlag mit dem Schwanz, als würden sie beben und lachen über den Tod, der von oben auf sie herabgestürzt kommt.

In der Schule habe ich dir erzählt, dass ich eines Tages fliegende Fische sehen will, wie sie über die Wasserfläche streifen und das Meer unter sich vergessen. Ich schätze, ich war noch nie so nah dran wie jetzt und wenn du hier wärst, würdest du etwas sagen wie "Siehst du, ich hab dir doch gesagt, dass Fische früher Vögel waren" und lachen.

Du hast immer an alles geglaubt und ich an nichts. Wenn ich über das Meer schaue nachts, sehe ich keinen Gott am Horizont, sondern unendlich viel leeren Raum zwischen uns und daran lohnt es sich nicht zu glauben. Aber wenn ich den Kopf in den Nacken lege, die Steine spüre, die sich in meinem Rücken sammeln, und meine Augen mit dem blauen Nachthimmel voll laufen lasse, weiß ich, dass ich richtig bin, hebe den Arm und ziehe mit dem Zeigefinger Linien ins Dunkel, beginnend beim hellsten Stern und dann kreuz und quer durch das flackernde Meer, bis alles verbunden ist und ich an deinem Ende des Horizonts angekommen bin, Richtung Norden, da wo die Sonne nie steht. Und dann gehe ich nach Hause, weil ich schon seit Stunden friere, aber mein Himmel musste fertig werden und wenn du in den Straßen Münchens stehst und kurz den Kopf hebst, siehst du über dem Dunst der Stadt das Netz aus Lichtern, das ich für dich gezeichnet habe, weil jeder weiß, egal wie weit und wohin man geht, wir nehmen unseren Himmel immer mit.

Und ja, du hattest recht, ich habe verdammte Angst vor einer Heimat, die es nicht mehr gibt, wenn ich zu lange weg war, weil sich alles verschiebt, weil wir Städte wechseln wie Partner sobald die Langeweile kommt und man immer dahin muss, wo das Herz am lautesten schlägt, auch wenn das Präsens da nie lange hält. Und dann müssen wir weiter, immer weiter stolpern, bloß nicht stehen bleiben.

Wir waren so jung, als ich ging, so jung, dass ich dachte "Distanz", das ist eins dieser Wörter, die allen anderen gehören, aber sicher nicht uns. Ich wollte das Zerreißen nicht spüren, wenn es kommt, ich bin für stille Abschiede, wenn alle Freunde sich im Land verstreuen. Du weißt, ich war immer schlecht mit letzten Worten.

Aber jetzt sind wir siebenundzwanzig und schon mit neunzehn wussten wir, das ist steinalt. Jim Morrison liegt in grauen Wänden in Pere la Chaise am Fuß des Montmartre und darf für immer siebenundzwanzig bleiben. Und nachts stürzt Amy durch Londons Straßen, schwarz aufgezäumte Haare, bleibt erschöpft an den Ufern der Themse liegen, Atemzentrum gestaucht, ein Leben verschenkt, für ein Tütchen Abgeschiedenheit. Und auch für uns ist das Meiste zu spät, nur mit weniger Pathos und ohne Sucht, die einen zerfrisst, aber jetzt, jetzt kommt die Zeit der Unmöglichkeiten und Gewissensbisse, dabei hatten wir uns geschworen, nie so zu werden, nie zwei von denen zu sein, die zögern. Wir hatten tausend Pläne geschmiedet und keinen davon geschafft. Erinnerst du dich? Mit einundzwanzig saßen wir betrunken am See, der Mond stand so verdammt tief, dass er fast die Erde berührte. Damals haben wir uns alles versprochen und Pakte geknüpft, die sagten "Keine Vernunft, keine Reue und keine zweiten Gedanken, egal was kommt" und jetzt haben wir alle unsere 5-Jahrespläne.

Vor einem halben Jahr habe ich begonnen, jeden Morgen nach dem Aufstehen den Himmel zu fotografieren. Komm, wir spielen ein Spiel, wollte ich dir schreiben, du tust das gleiche, egal wo du gerade bist und am Ende des Tages schicken wir uns gegenseitig unsere Bilder und wenn wir irgendwann den gleichen Himmel über uns haben, ist das das Zeichen, dass wir immer noch die Gleichen sind. Ich habe die Bilder in einer Schachtel gesammelt, aber nie eins abgeschickt.

Letzte Nacht, ein betrunkenes Ich, das nach Hause kommt, im Hauseingang stehen bleibt und in den schmalen Briefkastenschlitz lugt, als hätte ich etwas, worauf ich warten könnte. Ein kleiner brauner Käfer kam aus der Öffnung gekrochen, sah mich an und spannte seine Flügel auf, fing neongrünes Licht und flog weg. Ich dachte an einen Satz aus dem Biologieunterricht, damals als du noch neben mir saßt, dass ausgewachsene Glühwürmchen irgendwann einfach aufhören zu essen, nur noch leuchten und auf den Tod oder die Liebe warten.

Ich saß in meiner Wohnung am Küchentisch. Das Licht wurde bläulich und kam matt aus meinem Laptop in den dunklen Raum gestiegen, als ich auf "Buchen" klickte.

Siebzehn Uhr einundvierzig. Ich sitze in der gleichen Bar wie früher zwischen den gleichen Menschen, die auch vor fünf Jahren schon hier neben uns saßen. Das beruhigt mich etwas, weil ich weiß, dass sich hier auch nichts bewegt hat, nur dein Platz ist leer. Der Kellner erkennt mich wieder, klopft mir auf die Schulter, wir wechseln ein paar Worte, er bringt mir ein Bier, dann verschwindet er zum Rauchen in den Hinterhof. Ich schaue mich um und erkenne alles wieder, die Plaketten an der Wand, die verchromten Zapfhähne und das abgewetzte Parkett am Boden, aber Heimat ist anders. Wenn man lange genug weg war, wird einem alles fremd, auch das, was einem immer vertraut und ewig schien.

Die Leute reden gerne. Manche sagen, du wärst nach Hamburg gegangen und hättest geheiratet, andere sagen, du hättest dein Studium kurz vor Ende geschmissen und wärst nach Wien abgehauen, um noch mal ganz neu anzufangen. Ich mag die zweite Variante lieber, sie klingt nach dir. Ich krame mein Handy aus der Hosentasche, drücke ein paar Tasten bis mir wieder einfällt, dass ich deine Nummer gar nicht habe. Ich lege es auf den Tisch und bestelle aus Gewohnheit noch zwei Bier. Ich will keiner sein, der alleine trinkt. Ich zerreiße nach und nach die Bierdeckel auf dem Tisch und häufe die Schnipsel in den Aschenbecher. Als ich ausgetrunken habe und gehen will, steht dein Bier noch unangetastet neben meinem leeren Glas, ich lege das Geld auf den Tisch und greife nach meiner Jacke. Ich stehe auf, ein Luftzug in meinem Rücken, "Dachte mir fast, dass du hier bist." Ich zucke zusammen, erstarre für einen Augenblick. Deine Worte waren immer wie kleine Stiche, nur ohne den Schmerz, mehr eine Bestätigung, dass alles echt ist, was man fühlt. Wie tätowierte Erinnerungszeilen auf alternder Haut, damit man nie vergisst, was man hatte. Ich drehe mich um. Grelle Spiralen im Kopf. Ich sehe dichtes Schwarz, dazwischen Lichtpunkte, die aufflackern und wieder verglühen, mein Kopf ist ein Glühwürmchenschwarm im Dunklen. Dein brüderliches Grinsen, für einen Moment, dann wirst du ernst, sagst "Lange her. Ich hab dich vermisst, Mann. Du mich auch?"

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