Lesung

"Gingkogang"

AstroArt-Literaturwettbewerb: Kurzgeschichte der Münchnerin Iris Leister belegt 2. Platz - Lesung Sonntag im Schloss

"Gingkogang" entführt die Leser in eine unheimliche und abgründige Zwischenwelt. Das Werk ist Teil eines Kurzgeschichten-Zyklus', zu dem Iris Leister von Werken der Künstlerin Elzemieke De Tiège inspiriert wurde - und für die Autorin Vorspiel zu ihrem gerade entstehenden zweiten Roman.

Mehr wird Iris Leister am Sonntag im Bergedorfer Schloss verraten, wenn sie mit den anderen Siegern des AstroArt-Literaturwettbewerbs bei der Preisverleihung ab 18 Uhr liest (Eintritt frei). "Gingkogang" belegt den mit 500 Euro dotierten zweiten Platz. Sponsoren des von unserer Zeitung präsentierten Wettbewerbs sind die Hamburger Volksbank und der Bezirk Bergedorf.

Der Typ neben mir hebt das Glas, nippt einen Schluck und dreht sich zu mir. "Abdrücke von Braunbärenpfoten. Stell dir vor. Auf meinem Küchentresen. Verdammte Bande."

Ich gucke wohl ziemlich bescheuert, denn der Typ fühlt sich bemüßigt nachzulegen: "Die Bande? Die Organisation? Sagt dir nichts? Nee? Bist wohl nicht von hier."

Draußen, auf der Straße, schleppt der Verkehr sich durch vierzig Grad Celsius. Feierabend. Selbst das Jaulen der Sirenen klingt irgendwie erschöpft.

Wir zwei die einzigen Gäste. Ich denke: Naja.

"Natürlich keine Fingerabdrücke. Vergiss es. Die wissen, wie man Spuren verwischt." Der Typ leert seinen Drink, als wäre sein Hals ein Abflussrohr. Dann knallt er das Glas auf den Tresen. Klock. "'nen Doppelten, Davy."

Der Barmann schenkt nach. Bernsteinfarben. Es riecht irgendwie süß.

"Bei so was empfiehlt sich die Luger."

Der Typ hat ne Haut wie zerknittertes Packpapier. Irgendwo in den Falten schwimmen zwei Augen, auffallend grün.

Ich ziehe mein Handy raus und mache SMS-Konversation mit mir selbst. Höchst konzentriert. Wirkt gut gegen Schwätzer.

Kaum Licht hier.

"Sagst wohl nicht viel."

Soweit zum ich-bin-mit-SMS-schreiben-beschäftigt-Trick. Ich mustere demonstrativ das Bild hinterm Tresen. Nadelwald mit Hirsch, golden gerahmt.

Kitschiger Mist.

Er nickt vor sich hin. "Völlig o.k. Ich mag`s ruhig. Aber eins kann ich dir sagen: Rotkäppchen zur Klientin zu haben ist ein Schmerz im Gesäß. Da sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. Und der Wolf hat ein hieb- und stichfestes Alibi."

Egal wo ich bin, die Durchgeknallten finden mich wie Zombies das Frischfleisch. Zeit, abzuhauen. Ich kippe das Bier runter.

"Schenk dem Kleinen mal nach, Davy", murmelt Packpapiervisage und zuckt mit dem Schädel in meine Richtung.

Ich lege die Hand flach auf das Glas. Der Barmann zieht es einfach drunter vor. "Wenn der Herr hier 'nen Drink spendiert, solltest du dankbar sein und die Ohren spitzen." Er sieht aus wie ein Marabu: fleckige Glatze, ein Büschel Haare drumrum.

Packpapier legt prompt den Arm um meine Schulter. Prostet mir zu. Der Arm riecht nach Leder. Und irgendwas Wildem.

Ich trinke notgedrungen einen Schluck. Obwohl es kein Bier ist, schmeckt es ganz gut.

Den linken Arm um meine Schulter, sein Glas in der Rechten, zeigt er auf den Nadelwald im Goldrahmen.

"Siehst Du die rotlackierten Nägel? Das ist doch keine Fichte. Wenn der Baum sich bewegt - schieß."

Er schiebt mir ne Armbrust hin. Weiß nicht, wo er die plötzlich her hat. Tatsächlich, einer der Bäume hat Füße statt Wurzeln.

Ich denke, ich muss jetzt was sagen. Das erste, was mir einfällt, ist "Ginkgo".

Keine Ahnung, wieso.

Er schlürft einen Schluck von dem Bernsteinzeug, schnalzt. "Ginkgo, klar. So wird ein Schuh draus."

Haha.

Immerhin nimmt er seinen Arm von meiner Schulter. Und die Armbrust ist weg. Stattdessen hält er mir eine Visitenkarte vor die Nase. Darauf braune Krümelchen. Sie bewegen sich. Wuseln zu Buchstaben zusammen. Ich lese: Phil Lowmare - surrealistische Detektei.

Was zur Hölle?!

"Ameisen. Selber trainiert." Packpapiervisage schnippt gegen die Karte. Die Ameisen segeln durch die Luft. Ganz langsam, wie braune Schneeflöckchen.

Wie die Dinge so liegen, würd's mich nicht wundern, wenn sie kleine Fallschirme hätten. Haben sie aber nicht.

Lowmare schaut den taumelnden Ameisen nach und nickt. "Nur, falls du mal Hilfe brauchst."

Mir reicht`s. Ich rutsche von meinem Hocker und will los, da fasst er meinen Oberarm und zieht mich ganz nah zu sich ran. Sein Griff ist wie Eisen. Er flüstert: "Ich schwitze Krokodile. Sie schwärmen aus, kleine Kinder zu holen."

Feuchter Atem in meinem Ohr.

Er lehnt sich zurück: "Ich hab dich gewarnt."

Ich reiße mich los, stolpere. Eine Wolke von Fliegen steigt auf. Auf dem Boden ein totes Reh, inmitten von Blättern und Nadeln.

"Ahh", knurrt Lowmare.

Die ganze scheiß Bar ist auf einmal ein Wald. Geruch und Geräusche inklusive. Als hätten die Grimms die verfluchte Innenausstattung besorgt. Büsche und Bäume, und irgendein Zeug, das aussieht wie Krokusse.

Lowmare grinst mich an und der Marabu auch; fleckige Zähne im Schnabel.

"Hat alles mit Intuition zu tun."

Ich renne zum Ausgang, zerre die Tür auf.

"Blätter zum Beispiel. Wer hätte gedacht, dass sie bösartig sind", ruft Lowmare mir nach. Sie lachen.

Die Tür schlägt zu und schneidet ihr Lachen ab.

Asphalt, Verkehr, es stinkt nach Benzin, und eine Hitze, die einen umhaut. Kein Baum und kein Strauch. So was von angenehm.

Ich gehe zur Bushaltestelle. Hätte ich gleich machen sollen.

Der Bus muss bald kommen.

Hinter mir Rascheln. Ich drehe mich um. Blätter wispern und rollen über den Bürgersteig, direkt auf mich zu. Kleine Dinger, fächerförmig und braun; sie kreisen mich ein. Wie eine Gang.

Ginkgo.

Ich renne.

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