Krimi

"Moorpackung"

Schloss-Schreiber: Der Wiener Mortimer M. Müller tritt am 31. August sein Stipendium im Bergedorfer Wahrzeichen an

Dass Mortimer M. Müller beruflich Experte für Wälder ist, bleibt bei dieser Kurzgeschichte kein Geheimnis. Sein skurriler Krimi überzeugte die Jury des AstroArt-Literaturwettbewerbs: Er belegt den mit 300 Euro dotierten dritten Platz - und wird zudem Bergedorfs neuer Schloss-Schreiber. Seine öffentliche Inthronisierung ist am 31. August ab 18 Uhr im Schloss. Der Eintritt ist frei.

"Ojemine", sagte Inspektor Maier, als er über eine tückisch hochschnellende Wurzel stolperte und wie ein wildgewordener Eber auf die mondbeschienene Lichtung brach.

"Ganz meine Meinung", bemerkte Müller, Maiers Assistent.

"In einem stillen Waldesteich", hob der Jägermeister mit heiserer Stimme an, "schwimmt eine grün bemooste Leich'."

"Falsch", entgegnete der Inspektor. "Das ist ein Sumpf und grün nur Ihr lächerlicher Spitzhut."

"Lassen Sie meine Kopfbedeckung in Frieden." Der Jägermeister deutete auf das Paar Beine, das aus dem Moor ragte. "Hier haben Sie Ihre Leiche."

"Einwandfreier Kopfstand", konstatierte Inspektor Maier, kniff die Augen zusammen und blinzelte durch sein Monokel. "Damenschuhe. High Heels. Sieben Zentimeter Absätze. Rutschfeste Profilierung."

"Sie kennen sich aber aus."

"Langjährige Erfahrungswerte. Müller", der Inspektor wandte sich seinem Assistenten zu, "Trick siebzehn."

"Jawohl!", brüllte Müller und nahm das Seil von seiner Schulter. Er formte eine Lassoschlinge, holte aus und warf das Tau zielgenau um das Damenbeinpaar.

"Wann haben Sie die Leiche entdeckt?", fragte Inspektor Maier.

"Heute Nachmittag", erwiderte der Jägermeister. "So gegen vier. Da haben die Beine noch gezappelt."

"Anzeichen anderer Lebensformen?"

"Nur ein paar Irrlichter."

"Irrlichter?"

"Verwirrte Männerseelen. Sie wissen schon."

"So wie dort drüben?" Inspektor Maier deutete auf die andere Seite des Moores, wo helle Lichtpunkte tanzten.

"Ja. Ich tippe auf ein paar Traummännlein."

"Was Sie nicht sagen." Der Inspektor wandte sich seinem Assistenten zu, der gerade schnaufend und prustend die schlammüberzogene Leiche ans Ufer zog.

"Müller, fangen Sie die Verirrten ein. Trick sechs, würde ich vorschlagen."

"Ganz meine Meinung", bestätigte Maiers Assistent. Er nahm die blonde Perücke des Inspektors entgegen, schlüpfte in dessen knallrote Lackschuhe und setzte sich eine rot blinkende Stirnlampe auf. In dieser Aufmachung stolzierte er um das Moor herum.

Inspektor Maier betrachtete die schlammverkrustete Leiche am Boden.

"Nackt", stellte er fest. "Bis auf die Schuhe."

Er beugte sich nach vorn, stützte sich auf seinen silbergeknauften Gehstock, bis seine Nase dicht über dem Schambereich der Toten schwebte.

"Riecht etwas modrig. Ein Hauch von Alabaster. Moschus am Gaumen. Im Abgang erdig, aber saftig und frisch. Sie hatte Sex vor ihrem Ableben und ist seit vier Stunden tot."

"Aha." Mit zittrigen Fingern kramte der Jägermeister in seiner Jackentasche. "Wollen Sie 'nen Schluck?" Er hielt Inspektor Maier einen Flachmann hin.

"Was ist das?"

"Birnenschnaps von meiner verstorbenen Frau. Der letzte Tropfen."

"Wenn das so ist. . . Geben Sie her." Der Inspektor griff nach der Flasche und leerte sie in einem Zug.

"Hey!", empörte sich der Jägermeister. "Das war der letzte Rest!"

"Eben."

"Sie. . .!"

"Woran ist Ihre Frau gestorben? Alkoholvergiftung?"

"Nein. Ein Unfall mit Kosmetika."

Inspektor Maier entblößte seine falschen Zähne. "Was Sie nicht sagen."

Müller kam auf sie zugetrippelt. Im Schlepptau befanden sich drei junge Männer mit gierig leuchtenden Augen. Als sie Inspektor Maier und den Jägermeister erkannten, hielten sie inne.

"Wo sind'n deine beid'n Freundinnen?", lallte der eine.

"Die hat aber kleine Brüste", meinte der zweite.

"Hallo Georg", sagte der dritte und grinste dem Jägermeister zu. "Hast du deine Frau endlich im Moor versenkt?"

"Ich muss dann mal", verkündete der Jägermeister und wich zum Waldrand zurück.

"Nix da", entgegnete Inspektor Maier und klapperte Furcht einflößend mit seinen falschen Zähnen. "Erst, wenn Sie uns Ihr Motiv nennen!"

Der Jägermeister riss seine Flinte von der Schulter und legte auf den Inspektor an.

"Meine Frau hatte 'nen Hang zu sündteuren Kosmetikartikeln. Ich dachte mir, so eine Moorpackung ist billiger. Und sicherer."

"Völlig richtig", erwiderte der Inspektor, griff in den Morast zu seinen Füßen und warf dem Jägermeister ein Ladung Faulschlamm ins Gesicht.

"Hilfe!", brüllte dieser und ließ seine Flinte fallen. Er riss die Arme hoch, taumelte rückwärts. Dabei stolperte er über eine tückisch hochschnellende Wurzel und klatschte kopfüber in den Sumpf. Gurgelnd und blubbernd versank sein Oberkörper bis zur Hüfte im morastigen Untergrund.

"Allerhand", meinte Inspektor Maier. "Das nenne ich Tiefgang."

"Ganz meine Meinung", gab ihm Müller recht.

"Wo sind'n jetzt die geil'n Weiba?", lallte einer der drei Männer.

"In euren Köpfen", sagte der Inspektor. "Also ab ins Bettchen - husch, husch!"

Die drei Männer senkten die Häupter, nahmen sich an der Hand und torkelten auf den Waldrand zu. Einer begann ein Liedchen zu summen: "Drei kleine Irrgelichter gingen durch den Wald. . ."

Müller rollte das Seil zusammen und deutete auf die zappelnden Beine des Jägermeisters. "Soll ich ihn ausgraben?"

Inspektor Maier setzte seine blonde Perücke auf, schüttelte den Kopf und wandte sich zum Gehen.

"Nein. Es gibt kein besseres Allheilmittel als Moorschlamm."

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