Serie: AstroArt-Siegertexte

"Herr G"

AstroArt-Literaturwettbewerb: Berlinerin Ina Strelow belegt Platz 5 - Lesung am 31. August im Schloss

Mit der etwas anderen Beziehungsgeschichte "Herr G" von Ina Strelow präsentieren wir von heute an die Siegertexte des AstroArt-Literaturwettbewerbs 2014. Unter den 366 Einsendungen zum Thema "Irrlichter" belegt die Berlinerin Platz 5. Alle weiteren Platzierten bis zum Sieger drucken wir bis zum großen Finale: Am 31. August ab 18 Uhr lesen die Autoren ihre Texte live im Innenhof des Schlosses. Der Eintritt ist frei. Höhepunkt des Abends wird neben der Übergabe der Preise im Gesamtwert von 1600 Euro die "Inthronisierung" von Mortimer M. Müller als Schloss-Schreiber 2014. Der Wettbewerb wird gesponsert von der Hamburger Volksbank und dem Bezirk Bergedorf.

1

Und dann lief plötzlich ein Mann über den Tisch.

Sie hatte ihr letztes Stück überbackenen Chicorée gegessen, hatte das Besteck auf den Teller gelegt, den letzten Schluck Wein getrunken, hatte das Glas abgestellt, und dann lief plötzlich ein Mann über den Tisch.

Ein kleiner Mann. Ein sehr kleiner Mann. Sie glaubte, einen blauen Hut auf ihm gesehen zu haben, aber sicher war sie da nicht. Nur, dass er nicht größer als eine Hand breit war, das wusste sie.

Schräg war er über den Tisch gelaufen, von rechts oben nach links unten, und war auch schon wieder fort. Sie stand auf, ging zur linken unteren Tischecke und schaute auf den Boden. Nichts. Absolut nichts. Sie setzte sich wieder. Sie wartete.

Als später das Telefon klingelte, riss sie das Kabel aus der Wand, und das war das Entschlossenste, was sie in den letzten Wochen getan hatte, dachte sie, und es gefiel ihr sehr. Aufrecht saß sie, sah zur rechten oberen Ecke des Tisches, stand auf, setzte sich und sie verließ das Zimmer nicht.

2

Als sie nach Hause kam, setzte sie sich an den Tisch und suchte ihn nach Spuren ab. Nach Fußspuren. Nach kleinen Fußspuren, sehr kleinen. Bevor sie zur Arbeit gegangen war, hatte sie eine dünne Mehlschicht über den Tisch verteilt. Kaum wahrnehmbar, aber ausreichend um in ihr etwas zu hinterlassen. Die Signatur einer Anwesenheit. Niemand hatte etwas hinterlassen.

Sie trug Geschirr, Besteck, ein Stück Brot, Salami und Wein zum Tisch, auch eine Tüte Studentenfutter, zog ihre alten Cordhosen an, setzte sich an den Tisch, hob die Beine auf den Stuhl, als plötzlich ein kleiner Mann über den Tisch lief. Ein sehr kleiner Mann.

Er trug einen blauen Hut. Sie lächelte. Wahrhaftigkeit hatte die Täuschung besiegt. Das gefiel ihr sehr. Und hatte er sich nicht verbeugt?

Sie stand auf, ging einmal um den Tisch, lief aus dem Zimmer, kam wieder in einer schwarzen Hose, einer türkisfarbenen Bluse und mit offenem Haar.

Ach, übrigens, ich habe meinen Pilateskurs heute abgesagt, rief sie in Richtung linke untere Tischecke, eine neue Himmelsrichtung, in die sie von nun ab sprechen würde.

Sie setzte sich und wartete.

Als sie es später nicht mehr halten konnte, hockte sie sich über die chinesische Porzellanvase mit Lotus und Paradiesvogel, pinkelte hinein und behielt den Tisch im Blick.

3

Ich habe heute die Zeitung abonniert. Sie rief es vom Korridor ins Zimmer und schloss die Wohnungstür.

Später stellte sie einen Campingkocher auf die Kommode im Zimmer, weißt du, wie lange ich nicht mehr gekocht habe, und packte gerade die Tasche aus, als plötzlich ein kleiner Mann über den Tisch lief, als sie einen Moment bewegungslos stand, eine Lauchstange in der einen, Hackfleisch in der anderen Hand, dann beides fallen ließ und sich festhalten musste, als ein Schwindel sie durchfuhr.

Hatte er nicht einen Koffer in der Hand?

Danach hockte sie in einer Schwere, die einen nur ergreifen kann, wenn und weil ein Ereignis bereits geschehen war. Wenn und weil man im Danach steckt. Eine Schwere, die Stillstand brächte, würde nicht die Erwartung auf ein neues Ereignis munter werden.

Sie saß am Tisch, richtete ihre Brüste im Ausschnitt eines dunkelroten Kleides, schob ihren Stuhl ein wenig vom Tisch, schlug ihre Beine übereinander, hob ihre Füße über die Tischplatte, Füße, die in roten Pumps steckten und jetzt schon schmerzten, richtete den schwarzen Gürtel um ihre Taille, legte ein Bein, das rechte, quer über den Tisch.

Daran kommst du nicht vorbei, Herr G.

4

Du kannst heute früher kommen. Ich bleibe zu Hause.

Nachdem sie ihre alte Cordhose gegen den schwarz-weiß gemusterten Rock getauscht hat, weißt du, wie lange ich den nicht getragen habe, sitzt sie am Tisch und grinst. In der Mitte der Wegdiagonale liegt das Viertel einer Mandel. In der Hand hält sie ein Nudelsieb.

Auf dem Tisch stehen ein olivgrünes Sofa, zwölf Zentimeter lang, und eine Stehlampe, acht Zentimeter hoch.

Und dann läuft plötzlich Herr G über den Tisch. Blitzschnell steht sie auf, hebt den Arm, stülpt ihm das Nudelsieb über und zieht es behutsam in die Mitte des Tisches, denn fast wäre er an seiner Ecke, der linken unteren, wieder auf und davon. Sie setzt sich und wartet.

Unter dem Nudelsieb ist es still. Sehr still. Sie schaut durch eins der gestanzten Löcher hindurch und findet eine Vielzahl kleiner Lichtpunkte auf dem Tisch. Ein Firmament auf Eichenholz.

Wo steckst du?

Sie steckt Herrn G Nusssplitter und Rosinenstückchen durch das Nudelsieb.

Später klappt sie ein Campingbett auf, stellt es dicht neben den Tisch und legt sich darauf.

Es wird Zeit, Herr G. Sag mir deinen Namen, und ich sag dir meinen. Das ist ein Vertrauen, das heute gar nicht mehr gewürdigt wird.

5

Auf drei. Eins, zwei, sie hebt das Nudelsieb an und auf dem Tisch liegen zwei Uhrzeiger. Zu einem T gelegt. Eine verirrte Stunde.

Sie rennt ins Bad, rennt zurück, stößt gegen den Türrahmen, legt ihr Schminkzeug auf den Tisch, weißt du, wie lange..., als plötzlich Herr G über den Tisch läuft. Nein, er schreitet. Sie hält inne, ihre Unterlippe schon in ein lautes Bordeaux getaucht, und dann sieht sie es. Er ist nackt. Ein nackter kleiner, sehr kleiner Mann, Herr G nämlich, und bald nur noch Gilbert oder Gregor oder wie, und sie schaut auf sein Gemächt und möchte es unbedingt so nennen und möchte es berühren, dieses kleine, doch stattliche Hab des Mannes, das er an ihr vorbeiträgt, worauf sie vergisst, ihn einfach mit der Hand wegzufangen.

Komm zurück. Sie schreit es ihm hinterher, als er über die linke untere Ecke des Tisches hinaus war, schreit es in die neue Himmelsrichtung, schreit und verstummt.

6

Als es klingelt, öffnet sie die Wohnungstür und schaut auf den Boden, um einen sehr kleinen Mann, Herrn G nämlich, zu begrüßen.

Vor ihr stehen zwei lilafarbene Plüschschuhe.

Mit verheulten Augen, eine Flasche Wein in der Hand geht die Nachbarin an ihr vorbei in die Wohnung hinein.

Dein Telefon ist seit Tagen tot. Was ist denn hier los? Klara? Ziehst du aus? Ist ja entzückend, wohnst du jetzt auf dem Tisch?

Lass es stehen.

Die Nachbarin stellt das kleine olivfarbene Sofa zurück.

Dann redet die Nachbarin in ihre Tränen hinein. Klara beobachtet die Diagonale. Als plötzlich Herr G über den Tisch läuft, stößt sie die Nachbarin an. Die Nachbarin sieht Klara fragend an, indes Herr G abdreht und zur oberen rechten Tischecke zurückläuft.

Hat er sich nicht gerade wieder verbeugt?

Was ist?, fragt die Nachbarin, verstehst du mich nicht?

Ich habe einen Mann kennengelernt, sagt Klara sehr ruhig, sehr tief. Er wird gleich kommen.

Sie schiebt die Nachbarin zur Tür hinaus, ihrer eigenen Wohnung entgegen. Dann setzt sich Klara vor die linke untere Ecke des Tisches, spreizt ihre Beine, breitet den Rock zu einem Sprungtuch, knöpft ihre Bluse auf, rückt in dem weißen Spitzen-BH ihre Brüste zu einer Landschaft zurecht, beugt sich vor, denkt, so weit wird er wohl springen können und zieht in einer einzigen Bewegung Rock, Strumpfhose, Slip und BH aus, kippt, von einem heftigen Schwindel gepackt, kurz zur Seite, sitzt wieder aufrecht und sitzt nackt. An seinem Ausgang aus ihrem Leben.

7

Ein früher Morgen, in den das Erwachen hineinstottert. Zeit und Zimmer müssen erst gefunden werden. Jetzt war ich beinahe ohne dich, sagt Klara und steigt aus dem Campingbett. Später schaltet sie ihr Diktiergerät an und legt es auf den Tisch, neben seine Wegdiagonale.

Sprich mir was Schönes rauf. Sie lacht. Und warte auf mich, bin bald wieder da. Sie lacht laut.

Es ist lange her, dass sie in einem Baumarkt war. Damals hieß das ein Zuzweit, als sie Bretter, Leisten und Dübel, Farben und unbedingt ein viereckiges Waschbecken aus den Regalen nahmen. Damals hieß das eine schöne Aussicht ins Leben. Sie hatten sich viel Zeit gelassen, diese schöne Aussicht zu möblieren. Heute brauchte sie nicht einmal eine Stunde. Jede Zukunft beginnt in ihrem eigenen Takt.

Fünfmal hat sie das Diktiergerät schon abgehört. Natürlich war es zuerst ein Wort. Etwa 'Ulme'. Egal, es wird auch Zeit, Herr G, für einen Anfang, sagte sie. Beim sechsten Hören trieb das Wort in ein kurzes Gurgeln einer Wasserleitung, danach in das Herabfallen einer reifen Frucht und schließlich in einen Furz.

Das ist ein Anfang, denkt Klara und verteilt das Gekaufte auf dem Tisch. Sie bohrt und schraubt, flucht und sucht, will aufgeben, bohrt und schraubt weiter, gibt nicht auf. Ganz passabel, stellt sie fest, als sie vor dem Gebauten steht, schaut nach rechts, dann nach links die Wegdiagonale entlang, schaut auf die Uhr, nun aber los.

Auf die Terrasse des kleinen Hauses stellt sie zwei kleine, zwei sehr kleine Liegestühle. Das olivfarbene Sofa und die Stehlampe trägt sie in den einzigen, aber hinreichenden Raum. Wohin die Betten kommen, werden wir sehen. Sie zieht einen Bikini an, schiebt sich in dem spärlichen Stoff zurecht, ein Willkommensgruß in Pistaziengrün, nimmt in einem der Liegestühle Platz, kippt die Lehne an, will zur Ruhe kommen, denkt, was hat Ruhe hier zu suchen und behält seinen Eingang in ihr Leben im Blick.

Der Strick, dessen Ende sie in der Hand hält, liegt einem Haustier gleich ihr zu Füßen.

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