Lohbrügge

Kunst und trotzdem weg - Professor ist empört

Marktkauf: Bezirksamt lässt Bronzefigur entfernen, seitdem ist sie verschwunden

Ist das Kunst oder kann das weg? Für dieses Motto scheint das Bergedorfer Bezirksamt eine ganz neue Interpretation gefunden zu haben, als es 2011 einen Teil der Skulpturengruppe vor dem Marktkauf-Center an der Alten Holstenstraße entfernen ließ. Denn Kunst war die bronzene Skulptur in Form eines Torsos allemal, weg ist sie trotzdem. Und eine Rückkehr ist ungewiss. Wo sich der dritte Teil des Kunstwerkes von Prof. Rolf Thiele derzeit befindet, scheint nämlich selbst das Bezirksamt nicht zu wissen.

Die "Bergedorfer Skulpturengruppe" wurde im Sommer 1994 für etwa 200 000 Deutsche Mark im Auftrag von Dr. Ernst Langner errichtet. Der Hamburger Millionär und Gründer der Suba-Center (mittlerweile Marktkauf-Center) wollte so den Eingangsbereich des Einkaufszentrums sowie der Fußgängerzone verschönern. Drei im Dreieck angeordnete Skulpturen in Form von Körperteilen zierten daraufhin 17 Jahre den Platz. Seit 2011 sind es nur noch zwei. Denn nachdem Unbekannte die fragilste der Skulpturen bei einem Unfall beschädigt hatten, ließ das Bezirksamt den Teil "aus Sicherheitsgründen" abbauen und einlagern. So jedenfalls steht es in einer Senatsdrucksacke aus dem Jahr 2011.

Wo sich die Skulptur tatsächlich befindet, scheint das Bezirksamt jedoch nicht zu wissen. Auf eine Anfrage konnte es gestern weder Auskunft über den Verbleib des Kunstwerkes geben noch erklären, warum der Torso nicht wieder aufgestellt wurde. In der zwei Jahre alten Senatsdrucksache heißt es nämlich auch: "Derzeit wird geprüft, inwieweit die Skulptur im Rahmen der Neugestaltung der Alten Holstenstraße wieder aufgebaut werden kann." Anfang der Woche wurde die für 1,38 Millionen Euro sanierte Fußgängerzone nun eingeweiht. Von der dritten Skulptur fehlt jede Spur.

"Es ist ein Unding, wie das Bezirksamt mit Kunst im Öffentlichen Raum umgeht", kritisiert Rudi Walter, der sich als Vertreter der Linken im Kulturausschuss der Sache angenommen hat. Die Skulptur ohne Absprache mit dem Künstler abzumontieren und sie dann innerhalb von zwei Jahren nicht wieder aufzustellen, sei skandalös. Ebenso verwerflich finde er die Tatsache, dass genau an der Stelle, wo einst das Kunstwerk stand, ab und an eine Würstchenbude stehe. "All das zeigt die Respektlosigkeit des Bezirksamtes gegenüber Kultur", wettert Walter.

Noch drastischere Worte findet der Künstler Thiele selbst: "Man kann nicht einfach einen Teil ersatzlos entfernen und damit die Bedeutungsebene des Kunstwerkes vernichten. Man nennt das wohl Banausentum oder unprofessionelle Willkür." Sein Vertrauen in das Amt im Umgang mit den ihnen anvertrauten, mehrere Zehntausend Euro wertvollen Kunstwerken sei jedenfalls erheblich gestört. Thiele, der in Frankreich lebt und arbeitet, plant nun, nach Bergedorf zu kommen, um die Angelegenheit persönlich zu regeln.

Einfach dürfte das nicht werden. Thiele könne zwar anbieten, den entfernten Teil neu zu modellieren und in Bronze gießen zu lassen - allerdings nur in einer neuen Variante. Denn die Gießerei in Bremen - damals lehrte Thiele dort an der Hochschule für Künste - habe die alte Gussform wie üblich vernichtet.

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