Bergedorf

Zwischen Angst und Heimweh

Flüchtlinge: Sie flohen vor dem Krieg in Mali und wurden von Neonazis in Ostdeutschland verfolgt

Es ist heiß. Ich bin in einer afrikanischen Hütte, und etwa 80 schwarze Menschen sitzen vor mir. Sie schauen freundlich, alle reden über mich. Aber ich kann sie nicht verstehen.

Nein, es war anders: Drei Flüchtlinge aus Mali standen im Zentrum einer Diskussion im Gewerkschaftshaus am Serrahn. Sie zählen zu der Gruppe von Afrikanern, die vor sieben Wochen von Bergedorfern aufgenommen wurden. Weil sie Hilfe brauchen, nachdem sie vor dem blutigen Bürgerkrieg durch islamistische Fundamentalisten in ihrer Heimat geflohen sind. Und in Sammelunterkünften in Sachsen-Anhalt Angst hatten, vor den Neonazis, die sie verfolgten, beschimpften, verletzten.

Joana und Silvia verstehen Englisch und Französisch. Sie haben die Geschichte des 20-Jährigen übersetzt, der sich "A.J." nennt: "Ich wohnte in einem kleinen Haus außerhalb einer Kleinstadt im Norden Malis, als die Rebellen die Macht an sich rissen und die strengsten Regeln des Islam befahlen. Sie drohten, uns die Hände abzuhacken, falls wir Alkohol trinken. Manche Menschen verschwanden einfach." Seine Familie habe ihm Geld für die Flucht gegeben. Nach der Schiffsreise über Libyen nach Italien war es aufgebraucht. Mit dem Zug fuhr er nach Karlsruhe, wo die Polizei ihn aufgriff und in ein Sammellager nach Sachsen-Anhalt schickte. "Hier begann der eigentliche Horror. Auf der Dorfstraße war es gefährlich. Neonazis bewarfen uns mit Feuerwerkskörpern, die Polizei machte aber bloß Notizen - auch als diese Neonazis uns mit zwei Autos überfahren wollten, mit Messern drohten, mit Steinen warfen, meinen Freund Alex mit einer abgebrochenen Flasche am linken Arm verletzten."

Angst und Unsicherheit begleiteten sie schließlich in einem Zug nach Hamburg: "Hier fühlen wir uns sicher. Ich verstehe nicht viel, brauche einen Platz zum Schlafen und weiß nicht, wo ich hin soll", erzählte "A.J."

Ursprünglich waren es 20 Männer zwischen 18 und 30 Jahren, die in Bergedorf Unterschlupf fanden. "Inzwischen sind es noch 14. Einer hat sich verliebt, zwei fanden Arbeit, andere sind zurück nach Sachsen-Anhalt", erklärte Dieter Wagner im Gewerkschaftshaus. Klappbetten, Decken und Winterjacken wurden besorgt, die "Bergedorfer Tafel" hilft mit Lebensmitteln. Bergedorfer Ärzte und eine Optikerin sprangen kostenfrei bei 13 Behandlungen ein: Der eiternde Zahn ist gezogen, eine Brille vertreibt Kopfschmerzen. "Die Männer sind bescheiden und freundlich, aber unglücklich", heißt es aus dem Kreis der Unterstützer, der Bergedorfer Betrieben, Lehrern und hilfsbereiten Nachbarn dankt.

Spontan fanden sich für die nächsten zwei Wochen Privatleute, die die Männer aufnehmen. Wer aber helfen kann, drei bis vier Afrikaner den ganzen Winter über zu beherbergen, kann sich an Katrin Zessin wenden, Telefon 01 63/6 37 77 57. Wer Schlafsäcke, einen großen Rucksack (statt Plastiktüten für die Kleidung) oder Winterstiefel spenden möchte, gibt sie bei "Unser Haus" an der Wentorfer Straße 26 ab. Wer Geld geben kann, überweist an das Konto 127 701 von A. Heidorn bei der Vierländer Volksbank (BLZ 201 903 01).

"Niemand macht sich strafbar, aber es kann sein, dass die Männer zurück nach Sachsen-Anhalt müssen", erklärte Dieter Wagner. Die Afrikaner verletzen derzeit die sogenannte "Residenzpflicht" - eine Ordnungswidrigkeit. "Ein Anwalt aus Sachsen-Anhalt würde für alle die Vertretung übernehmen. Die Erstkosten liegen bei 300 Euro pro Person und könnten in Raten gezahlt werden. Wir müssen sofort reagieren können, falls ihre Asylanträge abgelehnt werden." Das dann folgende Verfahren kann sich bis zur zweiten Instanz vor dem Verwaltungsgericht zwei bis drei Jahre hinziehen.

Statt juristisch solle man lieber politisch und humanitär diskutieren, warf Juristin Renate Hartmann ein: "Wir brauchen Druck auf die Parteien der Großen Koalition, damit die Leute bleiben können. Die Politik muss einsehen, dass längst nicht alle Flüchtlinge gleich behandelt werden. Schließlich werden die Syrer innerhalb von drei Monaten anerkannt, haben die Afghanen ein politisches Duldungsrecht."

Viele Gäste unterzeichneten die sogenannte "Bergedorfer Erklärung" (siehe Text unten), wollen Bezirkspolitiker und Senat dazu auffordern, eine sichere Atmosphäre für Not leidende Menschen zu schaffen. Denn es sei kaum möglich, die Männer in einem sicheren Heim in Sachsen-Anhalt unterzubringen, warnte Bergedorfs ehemaliger Museumsleiter Alfred Dreckmann eindringlich: "Tausend Menschen und mehr gehen bei Fackelzügen durch Ostdeutschland. Eine Rückkehr wäre keine gute Lösung."

Die Angst vor den Neonazis ist groß, aber Hamburg soll eine "Stadt mit Courage" sein. Erst gestern beschloss der Senat ein "Landesprogramm zur Förderung demokratischer Kultur, Vorbeugung und Bekämpfung von Rechtsextremismus" (siehe Text unten).

Hamburg sei "angenehm und unerwartet freundlich", sagte der 25-jährige "Mo" - und will nie mehr nach Ostdeutschland: "In der Bäckerei musste ich das Geld auf den Tresen legen. Die Verkäuferin wollte meine schwarze Haut nicht berühren", erinnert er eine Szene in einem ostdeutschen Dorf, in einem Asylantenheim "mit unsichtbaren Gittern".

"Mo" musste bereits in Mali Schreckliches erleben, schilderte er: "Dem Vater meines Freundes wurden die Beine abgeschnitten, weil er kurze Hosen trug", übersetzte die Dolmetscherin. Über Algerien und Marokko landete er in einem Asylbewerberheim in Madrid, flüchtete zum Hauptbahnhof: "Ich hatte Tränen in den Augen, als ein alter Mann mich ansprach und mir Geld für eine Fahrkarte nach Deutschland schenkte." An der Grenze klickten die Handschellen, weil er keine Papiere hatte. "Ein Dolmetscher erklärte mir, was Asyl ist und dass ich nicht arbeiten darf. Aber wir haben Berufe erlernt und möchten hier nicht auf Kosten anderer Leute leben."

Wie es mit den Flüchtlingen weitergeht, soll bald auch in der Bergedorfer Politik diskutiert werden. "Wir bitten um Unterstützung", sagen Liesing Lühr (Grüne) und Robert Gruber (Linke) unisono. Der Kreis der Helfer ist für jede Verstärkung dankbar - und plant sein nächstes Arbeitstreffen für Donnerstag, 14. November. Es soll um 19.30 Uhr im Gewerkschaftszentrum am Serrahn beginnen.

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