AstroArt-Preisträger

"Wenn ich dich nicht sehe, siehst du mich auch nicht"

Literaturwettbewerb: 1. Platz für Nachwuchstalent aus Salzburg - Lesung am 31. August im Schloss

Jubel bei der Jury des AstroArt-Literaturwettbewerbs. Mit Mercedes Spannagel aus Österreich ist wieder eine Neuentdeckung gelungen. Die 17-Jährige überzeugte mit ihrer melodramatischen Kurzgeschichte, die unter die Haut geht.

Den mit 600 Euro dotierten 1. Preis holt die Autorin am Sonnabend, 31. August, persönlich ab. Von 18 Uhr an wird sie bei der Feierstunde im Bergedorfer Schloss ihre Geschichte live lesen - ebenso wie die anderen vier Preisträger ihre Werke. Weiterer Höhepunkt des Abends (freier Eintritt) ist die Inthronisierung des Bergedorfer Schloss-Schreibers.

Ich schalte das Licht an. Ich schalte das Licht aus. Wenn es aus ist, dann stelle ich mir Anas dunkle Stimme vor: "Lass das!" Wenn es an ist, dann suche ich Anas geschminkte Lippen zwischen Zahnbürste und Zahnpasta. Sie haben sich aufgelöst im Wasser, stelle ich entsetzt fest. Ana lacht und ich sehe ihren Rücken wie er sich zu mir umdreht, ich schließe die Augen. Ich sehe ihren Rücken, wie er sich umdreht freitags, samstags, sonntags, montags. Das ist mein Bild von Ana.

Lippenstift auf meinen Wangen, ich wische ihn weg. Ich schalte das Licht an, sehe im Badezimmerspiegel den Lippenstift auf meinen Wangen und wische ihn weg. Ich sehe Anas Rücken, ihre Schultern, wie sie sich langsam zu mir drehen. Ich wache auf, am ganzen Körper verschwitzt, ganz allein im Bett.

Ich sage zu Ana: "Komm, gib mir einen Kuss, ich liebe deine Lippen!" Ich sage zu ihr: "Komm, ich werfe dich in die Luft bis zum Mond!" Sie hat ihr Kleid angehabt, ihr Freitag-Abend-Kleid, das dunkelblaue mit der hellblauen Schleife. Sie nimmt meine Hand und es fühlt sich wie der Stoff des Kleides an. "Hältst du mich?", fragt sie und ihre Lippen passen zu ihrer tiefen Stimme und zu der Frage auch. Ich ziehe Ana, ich ziehe Ana und wir tanzen auf der Tanzfläche. "Ich halte dich", sage ich und ich sage es, weil ihre Frage ernst gemeint war. Wir drehen uns, wir stehen auf und frühstücken. Anas Haar ist verstrubbelt. Aber sie weiß: Auch so ist sie schön.

Das verstaubte Foto von Marie fragt mich langsam wie Anas Sätze in Zeitlupe: "Was machst du die ganze Zeit?" Ich sage ihr, meiner Mutter ginge es nicht gut, der Hamster meines Bruders sei gestorben, ich müsste mehr arbeiten, ich müsste mehr lernen. Ich sehe Anas Rücken. "Wieso hast du mir das nicht erzählt?" Ich wische mir den Lippenstift von der Wange, Marie auf dem Foto sieht sie sonst, die Lippen. Ich schalte das Licht aus.

Ich habe Marie dann geschrieben, ich hätte keine Zeit und keine Lust mehr. Sie hat sich nicht mehr gemeldet. Wenn das Licht aus ist, dann sehe ich sie weinen. Wie die Tränen über ihre blassen Wangen wandern. Dann mache ich das Licht an und denke an Ana und denke "Verdammt, sie hat mich schon immer so traurig gemacht." Dann lege ich einen Arm um Anas Schultern und sie ruft: "Ich will bessere Musik!" Nie ist jemand mit der Musik zufrieden. Mit dem anderen Arm halte ich ihre Taille und sage: "Mit dir würde man sicher gerne Tango tanzen." Eckig. Wir tanzen schnelle Tänze, freitags, samstags, sonntags Abend, weil ich bei Ana sonst denken würde, dass zwischen uns ein Raum entstehen würde, der nicht füllbar wäre, weil er ein Raum der Stille wäre und Ana ist nicht still, sie spricht.

Ana dreht sich um, langsam dreht sie sich um, aber nie zur Gänze. Es ist ein Film, der stecken geblieben ist in meiner Erinnerung. Ich bin der Kratzer, weshalb sich die Scheibe nicht weiter drehen kann. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussieht, ich will es nicht wissen. Nur ihre Lippen spüre ich auf meinen, ihr "Weißt du, ich liebe dich" spüre ich, wie es meinen Rücken hinuntergleitet, sich zum Schluss zwischen meinen Zehen und den Zehennägeln verirrt, aber es ist kein "Ich liebe dich" mit Pause, ein trauriges "Ich liebe dich", sondern es ist eines, das Spaghetti isst und danach eine Kiwi, und das eigentlich "Ich brauche ein neues Kleid" bedeutet. Aber Ana braucht kein neues Kleid, sie braucht nur ihr Freitag-Abend-Kleid, das dunkelblaue mit der hellblauen Schleife, sonst wird sie eine andere Ana, die nicht mehr mir gehört. Marie hingegen hätte neue Kleider gebraucht, aber sie hat keine gewollt, sie hat sich geschämt und ich habe mich für sie geschämt in ihrer Unscheinbarkeit - ich sehe ihre Tränen, die den Kussmund auf meiner Wange wegwischen wollen. "Was hast du getan?" ist ein sehr trauriges "Ich liebe dich".

Ich gehe mit Ana fort und wir tanzen und wir atmen und wir schwitzen. Ich ziehe mein Sakko aus, sie knöpft ungefragt mein Hemd auf. Sie sagt: "Du hast ja keine Ahnung vom Leben." Sie dreht sich um, ich sage ihr ins Ohr, ich schreie ihr ins Ohr, weil die Musik so laut ist, dass sie mich glücklich mache. Ich will ihr Lächeln nicht sehen, es ist ein Lachen, es ist groß und gar nichts wert. Wenn Marie gelächelt hat, dann habe ich gewusst: Das ist die Wahrheit.

Ana kennt jeden meiner Schritte, bevor ich ihn kenne. So kann ich ihr nicht auf ihre schönen Absatzschuhe steigen, aber ich kann sie auch nicht halten. "Du läufst mir davon", beschwere ich mich. Sie wirft das Bild von Marie auf den Boden, das Glas zerspringt. Ich sage ihr, dass ich dieses Mädchen einmal gekannt habe. Ana hat kein gutes Wort für sie. Sie konnte gut zuhören, und ich sammle die kleinen Scherben ein, um sie aufzubewahren. Zuhören allein würde einen nicht schön machen, und ich sehe ihre Rücken nebeneinander, den von Marie und den von Ana und frage mich, welcher welcher ist.

Die Lippen von Ana sind in einem Magentaton geschminkt, sie sagen "Fang mich!" und Ana wirft ihr langes, lockiges Haar in den Nacken. Ihre Augen erscheinen mir wild, vielleicht macht das auch nur das Licht, die Pupillen verkleinern und vergrößern sich zum Rhythmus des Tangos. Kontraktionen. Ich höre mein Herz nicht mehr. Die Musik ist laut, damit Ana und ich nicht reden müssen, damit Ana nicht reden muss und keinen Satz mit "Weißt du, ich liebe dich" anfangen muss. Sie beißt mir in die Lippen und meine Zähne bekommen einen leichten Magentastich. Ich nehme sie in meine Arme, ich schalte das Licht aus, nicht die Musik.

"Es ist so intensiv", sage ich in den Badezimmerspiegel, wie durch ein Fenster. Ana legt ihr Kinn auf meine Schulter, sieht mich an. "Das Leben mit dir, meine ich", sage ich und lächle. Es ist, als wäre Ana nicht da, weil sie nichts sagt und Ana spricht normal immer. Ihr Mund ist abgegangen, er ist in den Abfluss gerutscht. Ich sehe ihm nach, dem silbernen Fischchen, das durch den Kanal springt, es gibt nur mehr Ana. Ana, wie sie ihre Kiwis isst, freitags, samstags, sonntags, montags. Ich sage, ich verbrenne mir dabei immer die Zunge, ihr passiert das nie. Sie lacht, ich lache. Herzhaft. Wir haben uns immer viel zu erzählen, von den Tagen, an denen wir uns nicht sehen. Und dann gehen wir tanzen, vor allem dort sehe ich sie immer von vorne.

Das Leben mit Ana geht dahin, es ist laut, glücklich, voll mit gestellter Liebe und großem Lachen, das nichts wert ist und lügt, es ist bis oben hin angeräumt mit Kiwis, blauen Kleidchen und geschminkten Lippen, die Kisten platzen vor Musik, Tanz und Blicken zu zweit in den Badezimmerspiegel, der wie ein Fenster ist. Ana nimmt meine Rastlosigkeit in ihre Hände, sperrt sie in einen Käfig, damit sie sich nur auf unser Leben bezieht, ich an nichts anderes mehr denken muss.

Lippenstift auf meinen Wangen, ich wische ihn weg. Ich schalte das Licht an, sehe im Badezimmerspiegel den Lippenstift auf meinen Wangen und wische ihn weg. Ich sehe Anas Rücken, ihre Schultern, wie sie sich langsam zu mir drehen. Ich wache auf, am ganzen Körper verschwitzt, ganz allein im Bett. Ich will schlafen, Ana, ich will Ruhe, das, was du mir gibst, hetzt mich durchs Leben. Marie, gib mir deine kalten Hände, die von Anna sind glühend - oder ist es umgekehrt? Ana, das was du mir gibst, freitags, samstags, sonntags, montags, holt mich selbst aus mir heraus, ich weiß nicht mehr, wer ich bin, der im Spiegel oder der davor oder macht es gar keinen Unterschied? Meine Kleidung ist nass, mir ist kalt in meinem Bett. Wo bist du Ana? Es ist Dienstag, gestern in der Früh warst du also noch da, neben mir bist du gesessen, hast mir zugesehen, wie ich Maries Scherben in der Hand gehalten habe, hast mich beschimpft deswegen und gelacht, hässlich gelacht hast du, ich hab nicht gewusst, dass du so hässlich sein kannst. Arme Marie.

Ich habe Marie geschrieben, ob sie mich sehen wolle. Sie hat keine Tränen mehr übrig, es gehe ihr gut, hat sie zurück geschrieben. Es gehe ihr gut ohne mich. Ob sie noch böse auf mich sei, und ich verstecke den Lippenstift von Ana, den sie bei mir vergessen hat. Sie sei nie böse gewesen, ich weiß schon: traurig, traurig, traurig. Es tue mir leid, schreibe ich Marie und ich weiß, dass das nichts gut macht und nichts verändert. Sie hat sich nicht mehr gemeldet.

Das Licht ist an. Marie stellt sich gerne vor, dass mein und ihr Geist kiwiartigrund sind, dass Ketten sie an Puzzelsteinen halten, die unsere Körper sind. Dann stellt sie sich gerne vor, dass unsere Sinne wie Fenster sind, durch die wir uns erfassen. Dann verzweifelt sie, weil die Fenster zwischen uns stehen, der kiwiartigrunde Geist nicht ineinander übergehen kann, in seiner kiwiartigrunden Form bleibt. Deswegen könne man nie einen Menschen kennen. Dieses Ausweichen - das ist mein Bild von Marie.

Licht an, Licht aus, Licht an, Licht aus. Mit dem Lichtschalter spielen, macht mich verrückt. Ich bin allein, ich suche Liebe. Ich suche meinen eigenen Weg.

Ana dreht sich um, langsam dreht sie sich um, aber nie zur Gänze. Es ist ein Film, der stecken geblieben ist in meiner Erinnerung. Ich bin der Kratzer, weshalb sich die Scheibe nicht weiter drehen kann. Ich weiß nicht mehr, wie sie aussieht, ich will es nicht wissen. Marie sieht nicht auf, nur ihre Haare sehe ich. Ich weiß noch, wie sie aussieht, aber ich werde sie nicht mehr sehen.

Ich suche "Liebe", schlage den Duden auf und der sagt nichts von Trauer und nichts von lauter Musik. Vielleicht werde ich einmal finden, dass alles gut ist.

© Bergedorfer Zeitung 2018 – Alle Rechte vorbehalten.