Bergedorf

Gunter Demnig pflastert für die Erinnerung

"Stolpersteine": Schüler haben Leben und Sterben junger Nazi-Opfer erforscht

Als der Künstler Gunter Demnig 2003 die ersten "Stolpersteine" in Bergedorf verlegte, war das Echo giftig: Die CDU-Schill-Mehrheit in der Bezirksversammlung wollte seine zehn mal zehn Zentimeter kleinen Erinnerungen an die Opfer der Nazi-Diktatur nicht in Bergedorfs Straßen haben. Eine Geisteshaltung, die den Bezirk damals in ganz Deutschland in die Schlagzeilen brachte.

Heute, ein Jahrzehnt danach, ist das ganz anders. "Wo ist die Protestwelle?", fragte der heute 65-Jährige scherzhaft, als er gestern wieder mit Kelle, Hammer, Schaufel und sieben neuen "Stolpersteinen" in Hamburgs Osten kam. Wieder traf er viele Bürger - doch von Ablehnung keine Spur: An der August-Bebel-Straße 103 und 105, wo Demnig an den mit drei Jahren ermordeten Claus Beeck und die mit acht Jahren getötete Margot Fischbek erinnert, gab es ein längeres Gespräch mit den Nachbarn, die spontan versprachen, die Messingplatten zu pflegen. Am Harders Kamp 5 sagten die Mitarbeiter der Tiefbaufirma KLT zu, den "Stolperstein" für die mit 19 Jahren umgebrachte Inge Hardekop bei der Neupflasterung prominent zu platzieren.

Noch mehr Öffentlichkeit gab es für die Erinnerung an Hugo Stolze, der an der Hude wohnte, bevor er verschleppt und mit fünf Jahren umgebracht wurde. Und die mit 31 Jahren kurz vor Kriegsende verstorbene Frieda Fiebiger, an die jetzt am Weidenbaumsweg 116 erinnert wird: Ihre "Stolpersteine" basieren auf der Forschung von Schüler-Teams. An der Hude waren das Zehntklässler der Stadtteilschule Bergedorf, am Weidenbaumsweg die Neuallermöher Gymnasiastinnen Carmela Orlowski (15) und Chantelle Hajduk (17) sowie die Klasse 10b, die zum Besuch von Gunter Demnig sogar eine kleine Gedenkfeier an Ort und Stelle organisierten. Klassenlehrer Martin Ostendorf war begeistert: "Jetzt ist hier etwas Entscheidendes anders. Mit dem 'Stolperstein' haben junge Leute von heute eine dauerhafte Erinnerung gesetzt an junge Leute, die damals wegen ihrer Behinderung einfach umgebracht wurden."

Tatsächlich sind die sieben neuen Steine, die die Zahl der Bergedorfer "Stolpersteine" auf 18 steigern, fast komplett Euthanasie-Opfern gewidmet. Also Kindern, die aus Sicht der Nazis wegen geistiger oder körperlicher Defizite kein Recht auf Leben hatten. Sie kamen in Heime, wo sie verhungerten, tot gespritzt oder für Versuche an Menschen missbraucht wurden.

Ein Schicksal, das auch Margarethe Käti Schultze traf, die an der Heinrich-Heine-Straße 33 aufwuchs. Sie starb mit 23 Jahren, nachdem sie zeitlebens wegen verschiedener körperlicher und geistiger Gebrechen gehandicapt wer. Die Nazis setzten ihrem Leben im Juni 1944 ein Ende.

Ihr Gedenkstein ist seit gestern Teil des Zugangs ihres Elternhauses. Familie Röpell, heutige Eigentümer, hat die Genehmigung gern gegeben: "Das ist ein Stück Geschichte unseres Hauses. Gerade weil unsere drei Kinder nun viele Fragen stellen, ist der Stein gut", sagt Inge Röpell.

Gunter Demnig lobt die Bergedorfer: "Private Genehmigungen wie diese sind die große Ausnahme. Gewöhnlich verlege ich die 'Stolpersteine' auf öffentlichem Grund - und das bis heute immer mal wieder gegen die Kritik der Anwohner. Vor allem Eigentümer schicker Villen sind pikiert, wenn ihr Haus plötzlich Geschichte hat. In Köln wurde sogar eine Klage wegen Wertminderung der Immobilie gegen mich angestrebt."

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