Jakobsweg

"Dürfen wir mit Dir durch den Wald gehen?"

Bergedorf. Er wollte mal allein sein und zu sich finden. Und er hatte es dem lieben Gott geschworen. Wenn er überleben würde.

Das war im vergangenen Jahr, als Werner Augener einen schweren Radunfall bei den Hamburg-Cyclassics hatte: "Ich hatte 40 Sachen drauf, als vor mir jemand plötzlich auf die Spur lief." Die Vollbremsung war nicht so tragisch, aber der Keim, den er sich im Krankenhaus einfing, der die Herzklappen bedrohte.

Es schneite in den Pyrenäen, als sich der Bergedorfer am 24. April im Dorf Accueil Saint Jacques mit seinen Wanderstöcken auf den Weg machte. Genau 819 Kilometer auf dem Jakobsweg sollten vor ihm liegen - mit vielen Pfützen, einem 1200 Meter hohen Berg und zahlreichen spannenden Begegnungen.

Die Kriminalpolizistin aus Berlin hatte etwa dieselbe Laufgeschwindigkeit, schaffte erst 24, dann 40 Kilometer am Tag. "Dürfen wir mit dir gehen?", fragten auch zwei Stewardessen, die sich fürchteten, mit einem oft betrunkenen, französischen Fotografen durch ein Waldstück zu pilgern. "Die beiden konnten gut übersetzen, wenn wir Leute aus Südafrika, Korea oder Neuseeland trafen", sagt Augener. Er traf sogar den 70-jährigen Ex-Bürgermeister aus der Gemeinde Tespe (Landkreis Harburg): "Der verstand gar kein Englisch und wollte für den Notfall meine Telefonnummer haben."

Morgens um 5 Uhr ging er meistens los, erreichte gegen 15 Uhr eine staatliche Herberge, in der sich 20 Leute zwei Toiletten und Duschen teilten, für fünf Euro pro Bett in einem Raum schliefen. Um 22 Uhr ging das Licht aus. Manchmal war es eine umgebaute Kirche, manchmal ein Kloster. Wer seinen Rucksack vor die Tür stellte, checkte als erstes ein. "Auch als ich eine blutende Blase am Fuß hatte, schickten die Nonnen mich in den Regen raus, ich müsse gehen", berichtet der 51-Jährige, der sich von einem Arzt die Blase aufschneiden und mit Jod beträufeln ließ. Ärgerlich: Einmal wurde ihm sogar das Blasenpflaster aus dem Rucksack geklaut. Viel war nicht drin, er trug bloß 9,5 Kilogramm plus Trinkwasser. "Kniebandagen hatte ich dabei, Traubenzucker und Penicillin, das ich einem älteren Herrn schenkte, dem ein Zahn abgebrochen war."

Warum bist du hier? Die Frage hörte man immer wieder, nach Gesängen, Gebeten oder einem gemeinsamen Essen. Da sammelten sich Burnout und Tinnitus, berichtete ein Arzt, er dürfe mit 60 Jahren nicht mehr operieren und suche neues Lebensglück. Ein anderer hatte schlichtweg Langeweile - nachdem er zwei Jahre lang sein Haus saniert hatte. "Jeder hat sein Zipperlein zu tragen, man sucht neue Zukunftswege", sagt Werner Augener.

Er sei ruhiger und nachdenklicher geworden, gehe vorsichtiger mit Menschen um, "nicht mehr so impulsiv". Seine Frau Gisela bestätigt: "Er nimmt sich Zeit, Gedanken gelassen zu Ende zu denken." Sein Rennrad hat sie verkauft. Aber nicht das BMW-Motorrad. Auch darf er noch tauchen, Bergedorfer Kinder montags im Bille-Bad unterrichten.

Aber dafür ist im Moment sowieso keine Zeit: Augener hast Hochsaison, verkauft Kachelöfen und Heizungen, ist sogar als Sachverständiger von der Handwerkskammer vereidigt: "Ich bin der einzige Gutachter in Hamburg und muss etwa protokollieren, warum eine 28 000-Euro-Anlage nicht richtig läuft. Da ist es nicht immer einfach, mit einem Anwalt und einem Ofenbauer an einem Tisch zu sitzen."

Doch an Stress will Werner Augener zunächst nicht denken - auch wenn er in Spanien viele Schornsteine fotografierte: "Die sind nicht so hoch, da gibt es keine Asche-Reinigung, die werden nur von innen gesäubert", wunderte sich der Fachmann. Aber das ist nicht der einzige Grund, warum er im nächsten Jahr wieder auf den Jakobsweg will: "Viele Fotos sind weg, weil leider ein Stick im Laptop verbrannt ist." Und außerdem muss er die neuen Schuhe einweihen: "Meine waren nach fünf Wochen Wanderung komplett im Eimer. Da hat mir die Firma Jack Wolfskin anstandslos ein neues Paar geschenkt."

"Penicillin schenkte ich einem Herrn, dem ein Zahn abgebrochen war."

Werner Augener