Reizgasangriff

Anschlag überschattet die Einweihung des Mahnmals

Bergedorf. Der 21. September ist der schwärzeste Tag des Jahres 2012 in Bergedorf. Gerade erst hat die feierliche Enthüllung des Zwangsarbeiter-Mahnmals begonnen, da stellt sich der Lohbrügger Frank A. (42) vor die erste Reihe der Gäste.

Dort sitzen polnische Senioren, alle ehemalige Zwangsarbeiter oder deren Kinder. Der untersetzte Mann zückt eine Dose mit Reizgas und sprüht den schmerzhaften Inhalt unendliche Sekunden lang in die Gesichter.

Als die Polizeibeamten ihn endlich überwältigen, hat er erreicht, was er wollte: Sechs der Senioren müssen ins Krankenhaus und es ist ein medienwirksames Zeichen gegen Fremde und Nazi-Opfer überhaupt gesetzt. "Durch den Anschlag sind Brücken eingerissen worden", ist Jan de Weryha schockiert. Der Bergedorfer Künstler mit polnischen Wurzeln hatte das Mahnmal im Auftrag des Bezirks entworfen und mit Hilfe von Betonbauern der Gewerbeschule 19 aus Bergedorf-West und der Harburger Firma August Prien gebaut.

Schon vor dem Drama bei der Enthüllung hatte der über fünf Tonnen schwere und 2,80 Meter hohe Betonklotz ganze Diskussionswellen ausgelöst. Seit der Kulturausschuss im Februar erste Pläne auf den Tisch bekam, schwappt eine vornehmlich ablehnende Stimmung durch Bergedorf. Vieles dreht sich um die gefühlte Hässlichkeit des Werks, manches um seinen Preis von 17 000 Euro. Doch aus Kunst und Politik gibt es großes Lob, dass Bergedorf sich seiner Geschichte so sichtbar stellt. Schließlich gab es hier vor 70 Jahren Tausende Zwangsarbeiter - auch in der Stuhlrohrfabrik, die damals Produktionshallen genau dort hatte, wo jetzt das Mahnmal steht.

Die Heftigkeit der öffentlichen Diskussion lässt die 17-jährige Gymnasiastin Ella Nora Sloman ihren Mahnmal-Entwurf "Mann in der Schraubzwinge" ganz zurückziehen. Er hatte für de Weryhas Werk Pate gestanden und sollte als kleinere Plastik im CCB ausgestellt werden.

Trotz allem kann der Anschlag vom 21. September Bergedorfs Ruf nicht nachhaltig schädigen. Während Frank A., wie später bekannt wird ein verurteilter Rechtsradikaler, vorübergehend in die Psychiatrie kommt, sagt der polnische Delegationsleiter David Rojkowski am Tag nach der Tat: "Die Teilnehmer stellen die vielen freundlichen Begegnungen aus ihrer Woche in Hamburg über den Vorfall. Auch der Besuch von Bezirksamtsleiter Arne Dornquast, der noch abends das Gespräch mit jedem Einzelnen suchte, hat bewirkt, dass sie den Anschlag als Akt eines verwirrten Einzeltäters sehen."