Reportageserie: Lena probiert's aus

Tief in der Nacht gegen Eis und Schnee

Bergedorf. "Lena, du hast es oft nicht leicht!", tönt der Song von "Pur" aus meinem Handy. Es ist kurz nach 3 Uhr. Am Telefon ist Günter Kabel: "Wir rücken aus", sagt der Gruppenleiter der Bergedorfer Straßenreinigung.

Die Nacht ist zu Ende, für mich und 90 Mitarbeiter des Winterdienstes. Von der Zentrale am Bullerdeich werden sie zum Einsatz gerufen: Dauerzustand in den vergangenen Wochen.

Die am Tag pulsierende Millionenstadt ist unter der weißen Pracht in Dornröschenschlaf gefallen. Nur wenige Menschen sind auf Hamburgs Straßen unterwegs. Nur auf dem Bergedorfer Betriebshof der Stadtreinigung am Kampweg herrscht Hochbetrieb: Knallorange blinkende Rundlichter drehen sich auf den Dächern der Streufahrzeuge, deren Motoren nur zum Auftanken von Salzlauge und für einen schnellen Kaffee der Fahrer abgestellt werden. "So viel Schnee im Dezember ist ziemlich ungewöhnlich", sagt Günter Kabel.

Die Aufregung vertreibt die Müdigkeit, auch wenn die Augenlider noch schwer sind. Drei Stufen führen ins mächtige Fahrerhaus des Streufahrzeugs. Der Beifahrersitz federt, hinter dem wagenradgroßen Lenkrad sitzt Björn Svensson. Insgesamt 14 Fahrzeuge rollen in dieser Nacht vom Betriebshof, 489 Kilometer Fahrbahnen in Bergedorf und den Vier- und Marschlanden müssen mit Feuchtsalz abgestreut werden. Das Gemisch aus Salz und Lauge verleiht bleibt besser auf der Straße liegen als reines Salz. Zwei Fahrzeuge steuern die Busbuchten an, um die Glätte vor dem Einsetzen des Berufsverkehrs schmelzen zu lassen.

Vor uns liegt Plan 5 - 46 Kilometer schmale Deichstraßen in den Marschlanden. Kleine Schneeflöckchen rieseln herab, legen sich wie feiner Puderzucker auf die Straßen. Die Welt um uns liegt stumm und still - nur die schwere Maschine des Streufahrzeuges röhrt, aus dem Radio dudelt leise Popmusik. "Das ist gut, um die Müdigkeit zu vertreiben", sagt Björn Svensson. Daneben braucht er aber vor allem eines: viel Kaffee.

Neben den tückischen Kopfsteinpflasterstraßen im Villengebiet sind die schmalen Deichstraßen bei Glätte besonders gefährlich. Das mussten auch die Männer vom Streudienst schon mehrfach schmerzlich erfahren, wenn sie mit ihrem tonnenschweren Fahrzeug den Halt verloren und den Deichhang runterrutschten. "Ist mir zum Glück noch nie passiert", sagt Björn Svensson. Seit 13 Jahren arbeitet der 37-Jährige aus Gülzow bei der Stadtreinigung.

Björn Svensson lenkt den gewaltigen Hakenwagen, an dem der Tank für Streusalz und Lauge hängt, wie einen schnittigen Flitzer um die engen Kurven. Am Heck schleudert das Salz-Lauge-Gemisch aus einer Düse. 20 Gramm auf jeden Quadratmeter Straße. Sechs Meter Breite kann das Gerät maximal abdecken. Vor Einsatzbeginn eingestellt, muss sich Svensson während der Fahrt darum nicht mehr kümmern.

Nach 90 Minuten ist Plan 5 abgearbeitet, Feierabend ist noch lange nicht. Dieselbe Strecke wird noch einmal zur Kontrolle abgefahren.

Björn Svensson nimmt es genau. Er weiß um die Tücken vereister Fahrbahnen: Auf dem Weg zum nächtlichen Streueinsatz geriet er einmal ins Schlingern, knallte mit der Beifahrerseite gegen einen Baum. "Bis auf ein paar Schnittwunden ist mir zum Glück nichts passiert", sagt er.

Die Erinnerungen an den Unfall hat er abgeschüttelt. Es ist jetzt bereits die vierte Nacht in Folge, in der er hinter dem großen Lenkrad sitzt. Doch zur Gewohnheit werden die nächtlichen Einsätze nicht: "Manchmal ist es ganz schön schwierig, die Rufbereitschaft mit dem Privatleben zu vereinbaren. Denn man kann nur ahnen, aber nie planen, wann es wieder losgeht."

Um 7 Uhr hat der Berufsverkehr eingesetzt. Wir erreichen den Betriebshof am Kampweg. Björn Svensson schaltet den Motor aus. Die Männer und Frauen vom Bergedorfer Winterdienst hoffen auf milde Nächte - mal wieder durchschlafen können. Und ich freue mich, den Ton meines Handys vor dem Einschlafen guten Gewissens auf lautlos zu schalten.