SPD-Direktkandidat

Wunschkandidat erleidet Schiffbruch

Bergedorf. Das Aufstellen von Bundestagskandidaten im Wahlkreis Bergedorf-Harburg ist immer für Überraschungen gut.

Vor vier Jahren war Christdemokrat Andreas Kröger (Kirchwerder) trotz vorheriger Absprachen gegen einen Harburger Bewerber durchgefallen, dieses Mal erlebte Hamburgs SPD-Spitze eine Schlappe: Weder der vom Landesvorsitzenden und Ersten Bürgermeister Olaf Scholz unterstützte Bundestagsabgeordnete Ingo Egloff (56) noch der Harburger Kreisvorsitzende und Landesvize Frank Richter (47) konnten sich im Lichtwarkhaus durchsetzen.

Schon im ersten der geheimen Wahlgänge hatte Metin Hakverdi (43), Anwalt aus Wilhelmsburg, die Nase vorn. Von 147 Delegierten hatten 71 für den Senkrechtstarter gestimmt, der erst 2001 SPD-Mitglied wurde und seit 2008 in der Bürgerschaft sitzt. Dabei hatte der Sohn deutsch-türkischer Eltern für Missstimmung gesorgt, als er im Frühjahr als erster seine Kandidatur um die Nachfolge von Hans-Ulrich Klose im Wahlkreis erklärte.

Richter, seit 2004 Harburgs SPD-Chef, warf seinen Hut in den Ring, obwohl ihm Gegenwind ins Gesicht blies. Nachdem er 2010 mit durchwachsenen 63 Prozent als Kreischef bestätigt wurde, kam er diesen Mai nur auf 52 Prozent.

Zum Debakel geriet der Abend für Egloff, im ersten Wahlgang erhielt er nur 22 Stimmen, Richter bekam 52. Nachdem sich alle Kandidaten den Delegierten präsentiert hatten, hatte Harald Muras, früher SPD-Kreisvorsitzender in Harburg, gefordert, auf eine weitere Aussprache zu verzichten: Alle Argumente seien nach sechs Kandidaten-Hearings und internen Diskussionen ausgetauscht.

Er wurde nicht gehört: Paul Kleszcz, Fraktionsvize in Bergedorfs SPD-Bezirksfraktion, und danach Bergedorfs SPD-Kreisvorsitzender Ties Rabe, warben um Zustimmung für Egloff, er biete Klarheit und den Wählern Orientierung. Dass er in Wandsbek die Direktkandidatur Aydan Özogus hatte überlassen müssen, der Frau von Innensenator Michael Neumann, vermochte vielen Genossen nicht einzuleuchten. Harburgs Bezirksamtsleiter und SPD-Kreisvize Thomas Völsch sowie Lohbrügges SPD-Vorsitzender Michael Schütze warben um Stimmen für Richter: Den Wahlkampf werde die SPD nicht mit Weltpolitik oder Euro-Krise gewinnen, sondern mit sozialen Themen, "wir brauchen eine Rampensau".

Obwohl Egloff nach dem ersten Wahlgang seinen Verzicht mit Blick auf seine nur 22 Stimmen erklärte, seine Unterstützer aufforderte, nun Richter zu wählen, reichte es für den Harburger auch im zweiten Anlauf nicht. Nach Sitzungsunterbrechung und Diskussionen in den Kreis- und Ortsverbänden erhielt Richter lediglich 70 Stimmen, Hakverdi 73. Das Ergebnis ist umso bemerkenswerter, als der Harburger Kreisverband 66 Delegierte entsandt hatte, die Wilhelmsburger nur 24, von Bergedorfs 60 Delegierten waren 57 erschienen.

"Das Fehlen eines Bergedorfer Kandidaten scheint zu gewisser Lustlosigkeit beigetragen zu haben", suchte Ties Rabe nach Ende der Veranstaltung nach einer Erklärung.

Hakverdi, der mit breiter Themenvielfalt in seiner Bewerbungsrede überzeugt hatte, rang nach seiner Nominierung um die richtigen Worten: "Da war mir klar, was es heißt, in einem Wahlkreis die Nachfolge von Herbert Wehner, Helmut Schmidt und Hans-Ulrich Klose anzustreben."