Sterbeamme

Ein Abschied für immer: Kinder trauern anders

Luise war fünf Jahre alt, als ihr Opa starb. "Das war für mich nicht wirklich schlimm", erinnert sie sich heute. "Ich hatte ihn zwar gemocht, aber er war mir nicht nahe." Doch die Situation der Trauer in der Familie hat sich dem kleinen Mädchen so eingeprägt, dass sich Luise noch heute als Erwachsene gut an den Moment in der Küche erinnert. Der Vater wollte nichts essen und schob den Teller weg. Alles war still. "Das hat mich viel mehr beeindruckt, als der Tod meines Opas."

Verlust und Trauer haben viele Gesichter. Und oft trauern Kinder und Jugendliche anders als Erwachsene. In ihrem neuen Buch "Alles, nur kein Kinderkram" erzählt die Bergedorferin Claudia Cardinal Geschichten wie die von Luise - und geht der Frage nach, was Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer brauchen. Sie gibt Hinweise, wie Erwachsene sensibel auf Ohnmacht, Hoffnungs- und Hilflosigkeit der jungen Menschen reagieren können (Patmos-Verlag, 14,99 Euro). "Kinder sind keine kleinen Erwachsenen", stellt die 57-Jährige fest, die den Beruf der "Sterbeamme" erfand und als Trauerbegleiterin arbeitet. So entstand die Idee, nach vier Büchern zum Thema Tod, Leben, Trauer nun ein Buch über trauernde Kinder zu schreiben.

Die Bergedorferin kann aus jahrelanger Praxis berichten, und aus persönlicher Erfahrung. Vor etwa 25 Jahren starb ihre damals sechsjährige Tochter an Krebs. Damals änderte die gelernte Goldschmiedin, die zwei weitere Kinder hat, ihr Leben und wandte sich der Trauerarbeit zu. Ihre erfolgreiche Arbeit und ihre dem Tod wie dem Leben zugewandete Einstellung sind auch Thema eines großen NDR-Porträts, das am Donnerstag, 22. November, gesendet wird (18.15 Uhr: "Leben mit dem Tod - Beruf: Sterbebegleiterin").

Ihr neues Buch über trauernde Kinder hat sie in drei Teile gegliedert. "Einmal geht es darum, was ein Kind eigentlich ist, welche Aufgaben Eltern, Lehrer und Erwachsene haben", sagt Claudia Cardinal. Der zweite Teil widmet sich grundlegenden Fragen und den Facetten der Trauer: Handelt es sich um Schock, Schreck, ein Trauma? Was ist Angst und wie kann ich damit umgehen? Was antworte ich meinem Kind, wenn es fragt, ob sein Meerschweinchen im Himmel ist? "Erwachsene müssen lernen, Farbe zu bekennen", sagt die Expertin. Schließlich unterteilt sie im dritten Abschnitt die Altersstufen und die unterschiedliche Art von Kindern oder Jugendlichen, mit Trauer umzugehen. "Eine Vierjährige weiß vielleicht um den Tod, aber sie hat ihre eigene Sterblichkeit noch nicht erkannt", nennt sie ein Beispiel.

Um Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer zu unterstützen, bietet sie nun auch Kurse an, bei denen sich Interessierte zum "Trauergefährten" schulen lassen können. Da in diesen Fällen oft auch die Erwachsenenwelt "sprachlos vor dem Phänomen Tod" stehe, gebe es selten ausreichend Antworten, um Kindern trotz des Abschieds "den nötigen Mut für das Leben zu vermitteln".

Der Kursus ist in vier Blöcke (jeweils ein Wochenende) unterteilt und beginnt im Februar 2013. Weitere Informationen gibt es unter der Telefonnummer (040) 724 24 20, Internet: www.claudia-cardi nal.de

"Erwachsene müssen lernen, Farbe zu bekennen" Claudia Cardinal, Sterbeamme und Trauerbegleiterin