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30 Jahre Politik im "GALischen Dorf"

Bergedorf. Wiedersehen und Gedankenaustausch "ein wenig wie bei einem Klassentreffen", der Wunsch von GAL-Fraktionschefin Liesing Lühr ging im KulturForum am Serrahn voll in Erfüllung. 30 Jahre sitzen Grüne in Hamburg in den Bezirksversammlungen und der Bürgerschaft.

Der Blick zurück förderte vieles zutage, das die gut 50 Gäste schmunzeln ließ. Was zu Beginn undenkbar war, ist längst Realität: Mit den Grünen feierten Politiker von SPD und CDU sowie Bezirksamtsleiter Arne Dornquast. Stadtteilkulturzentrum Lola und Naturschutzbund waren ebenso vertreten wie die Behindertenarbeitsgemeinschaft und die TSG.

Aber auch ohne diese Gäste waren grüne Parteimitglieder diesen Abend in der Minderheit. Peter Wesenberg war Bezirksabgeordneter der ersten Stunde. "Ich war als Vertreter von Unser Haus angetreten, hatte nie das Verlangen, wirklich Mitglied der GAL zu werden", bekannte der nach 30 Jahren sichtlich ergraute "Jugendliche". Wenig lustig sei der Beginn in der Bezirksversammlung gewesen, die dreiköpfige Fraktion kämpfte 1982 um die politisch korrekte Sitzordnung. "Wir sollten in der Mitte des Plenums neben der FDP Platz nehmen. Ich habe damals einen Klappstuhl mitgebracht und mich links neben die SPD gesetzt, dorthin wo ich meinte, politisch zu gehören."

15 Jahre später sorgte Wiebke König für einen Eklat. Die GALierin hatte ihre kleinen Kinder mit in die Bezirksversammlung gebracht, die schauten unter Tische, tobten durch die Reihen, bis die Sitzung unterbrochen wurde. "Als Fraktionsvorsitzende war ich an den folgenden Beratungen beteiligt, danach musste ich mit meinen Kindern gehen", erinnert sie sich lächelnd. Die Aktion hatte Erfolg: Auf Antrag übernimmt der Bezirk heute die Kosten für die Kinderbetreuung während Sitzungen.

Fast so zahlreich wie die Aktiven der ersten Jahre waren diejenigen, die Fraktion und Partei zwischenzeitlich den Rücken gekehrt haben. Darunter Robert Gruber, Ernst Heilmann, heute Bergedorfs DGB-Vorsitzender, und das bekannteste Gesicht der Anti-Atom-Bewegung in der Region, Lutz Jobs, wie Heilmann heute Mitglied der Linksfraktion.

Die Zustimmung der Bundesgrünen zum Kosovo-Einsatz der Bundeswehr hatte Ende der 1990er-Jahre der GAL-Fraktion wie auch der Partei in Bergedorf die Hälfte der Mitglieder gekostet. Über Regenbogen fanden viele von ihnen in die Linksfraktion.

Doch schon zu Beginn war die GAL-Fraktion ein eher bunter denn grüner "Haufen", rekrutierte sie ihre Mitglieder doch aus vielen Initiativen.

Die Vorbehalte gegen Parlamentarismus waren weit verbreitet, wie Jobs sich erinnerte: "Hitzige Diskussionen mit gefühlt 50 Prozent Kampfraucherinnen in ungelüfteten Zimmern haben die Abneigung gegen Politik in geschlossenen Räumen noch verstärkt."

Zu Beginn gehörte die Abtretungserklärung für Aufwandsentschädigung und Sitzungsgeld zu den ersten Unterschriften, die GAL-Bezirksabgeordnete leisteten. Das Geld floss an Bergedorfs Initiativen. "Als Arbeitsloser geriet die Steuererklärung schon mal zum Problem", so Jobs schmunzelnd: "Wenn man einer Finanzbeamtin erklären musste, dass man mehr Geld gespendet als man verdient hat." Später sei das Geld in den Vorläufer heutiger Netzwerkarbeit geflossen: "Wir nannten es offene Wirtshausarbeit, wenn wir uns nach den Sitzungen trafen."

Doch die GAL hat es verstanden, sich den Parlamentarismus zunutze zu machen. "Mit Unterstützung der SPD haben wir erfolgreich für ein Tempolimit auf der A 25 gestritten", erinnerte Liesing Lühr. Außerdem habe das Nein zu Koalitionen einen Begriff geprägt, der heute in ganz Hamburg bekannt sei: "Bergedorfer Verhältnisse". "Außer zur Wahl der Bezirksamtsleitung gehen wir keine Bündnisse ein, entscheiden rein sachorientiert." Die Wortwahl mancher Forderungen hat die pazifistische Haltung vieler Aktiver vergessen lassen, etwa, "Stadtteilzentrum her, sonst spricht das Gewehr", oder auch die Drohung mit fliegenden blauen Bohnen.

Bergedorfs GALier haben längst gelernt, die parlamentarischen Spielregeln für sich zu nutzen. "Als etwa der ZOB-Sonderausschuss gegründet wurde, um die Planung von Bergedorfs Neuer Mitte zu begleiten, "haben SPD wie CDU spekuliert, dass sie die Vorsitze der Ausschüsse bekämen", erinnerte sich Annette Vollmer. Tatsächlich konnte die GAL-Stadtplanungsexpertin erstmals den Vorsitz eines Fachausschusses übernehmen, "das hat mich diebisch gefreut". Heute ist auch ein GAL-Ausschussvorsitz Normalität. Lühr: "Ich leite heute den Grünausschuss - daran stört sich niemand."