Prüfungsstoff

"Die Wissbegierde der Schüler ist intensiv"

Bergedorf (voe). Fast klingt es wie ein Märchen: Erst vor zehn Jahren machte Finn-Ole Heinrich selbst Abitur. Nun werden sich Hamburger Schüler am 21. Januar 2013 in ihrer zentralen Abiturprüfung im Fach Deutsch mit der Literatur des gebürtigen Schleswig-Holsteiners auseinandersetzen.

In der Stadtteilschule am Richard-Linde-Weg las der 30-Jährige schon mal eine Kostprobe aus dem Prüfungsstoff vor: Der vor fünf Jahren erschienene Roman "Räuberhände". Darin geht es um die Freundschaft von Janik aus gut bürgerlichem Haus und Samuel, Sohn einer alkoholkranken Mutter und eines unbekannten, vermeintlich türkisch-stämmigen Vaters. "bz"-Mitarbeiterin Kerstin Völling traf Heinrich nach der Lesung zu einem Interview.

Welches Thema haben Sie denn in Ihrer Abiturprüfung bearbeiten müssen?

Finn-Ole Heinrich:

Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht mehr. Ich hatte zwar Deutsch Leistungskursus, aber an mein Abi-Thema kann ich mich nicht erinnern.

Die Rektorin der Stadtteilschule, Angelika Maijer, sagte vorab, dass zu ihrer Zeit alle Autoren im Deutschunterricht behandelten Autoren schon längst verstorben waren. Wie ist das bei Ihnen gewesen?

Nicht ganz so schlimm. Wir haben zum Beispiel auch Christa Wolf gelesen. Aber bei uns war es ebenfalls kaum vorstellbar, dass zu einer Lesung ein Autor in die Schule kommt, über dessen Werk man seine Abiturarbeit schreibt.

Wann und wie haben Sie davon erfahren, dass "Räuberhände" Abitur-Stoff wird?

Heinz Grasmück von der Schulbehörde ist auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich damit einverstanden wäre. Warum gerade mein Buch ausgesucht wurde, weiß ich nicht. Ich war angenehm überrascht und hätte nicht im Traum damit gerechnet. Aber ich fand das alles spannend und sagte sofort zu. Ich nehme mal an, meine Themenbereiche "Migration", "Heimat" und "Identität" sind gerade in einer Großstadt wie Hamburg etwas, mit dem die Schüler täglich konfrontiert sind. Themen und Sprache des Buches sind, glaube ich, nah an der Lebenswirklichkeit der Schüler.

Fühlen Sie sich noch mehr als Schüler oder schon als jemand, der jetzt sein Wissen weitergibt?

Ich bin Autor, das ist mein Beruf. Ich bin kein Schüler und kein Pädagoge.

Hatten Sie nicht Angst, dass Ihr Buch als Abiturthema potenzielle Leser eher abschreckt?

Klar ist das eine Sorge, die man als Autor hat: Pflichtlektüre wird selten zu Lieblingslektüre. Auf der anderen Seite hat kaum ein Autor eine Chance, vor einem Publikum zu sitzen, in dem jeder den Text in Gänze und in dieser Tiefe kennt. Die Diskussionen nach den Lesungen und die Wissbegierde der Schüler waren deshalb auch oft intensiv. Erst gestern haben mich noch zwei Jungs bis zur Bushaltestelle begleitet, die genau wissen wollten, wie ich ein Buch schreibe und was ich über die eine oder andere Passage in "Räuberhände" denke. Denen hat die Auseinandersetzung damit im Unterricht nicht gereicht. "Wir haben in unseren Klausuren nur das geschrieben, was die Lehrer hören wollen", haben sie mir erklärt.

Gibt es noch überraschende Schülerfragen zu Ihrem Werk?

Oh, ja. Eine Schülerin fragte mich etwa, warum meine Protagonisten immer so ernst sind, ob man Sinnsuche im Leben nicht auch fröhlich gestalten könne. Gute Frage!

Würden Sie noch einen Roman als Abiturstoff freigeben?

Klar, was ich im Moment erlebe ist unglaublich spannend. Allerdings würde ich mir die Kräfte für die Lesereisen zu den Schülern besser einteilen. Die Reisen sind zwar keine Bedingung, aber ich bekomme da direkte Rückmeldung, auf die ich auch nicht verzichten will. Doch weil alles so zeitintensiv ist, ist der Schreiballtag für mich momentan leider passé.