Gesetz

Experten fordern Schutz für Bibliotheken

Bergedorf. "Vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist", schrieb 1970 Elias Canetti, der elf Jahre später mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Dass Literatur den Geist bestimmt und dass das Buch nie untergehen wird -"davon bin ich überzeugt, auch wenn mir Kulturstaatsrat Reinhard Stuth einst sagte, vor lauter Internet brauche man bald keine Bücher mehr", sagt Dietrich Becker.

Bei diesem Thema kann sich der Leiter der Bergedorfer Bücherhalle immer wieder in Rage reden. Schließlich kann er täglich etwa 750 Besucher am Kupferhof begrüßen, die mindestens Tausend Medien ausleihen. "Und doch sind Bibliotheken für Politiker immer eine luxuriöse Verhandlungsmasse, die in Zeiten knapper Kassen weniger Geld bekommen", ärgert sich Becker.

Erst Anfang September hatte die Bürgerschaftsfraktion der Linken in einem Antrag ein Bibliotheksgesetz für Hamburg gefordert, um öffentliche Bibliotheken für die Grundversorgung in der Bildungs- und Kulturlandschaft finanziell zu schützen - vergeblich. Dabei haben es immerhin schon 17 EU-Länder vorgemacht. Doch hierzulande geht die Idee in den Länder-Zuständigkeiten unter: Lediglich Thüringen, Sachsen-Anhalt und Hessen haben inzwischen Bibliotheksgesetze - wenn sie auch lasch formuliert sind, keine finanziellen Verpflichtungen festschreiben. Und immerhin sieht der Koalitionsvertrag in Schleswig-Holstein ein Bibliotheksgesetz vor, "mit dem die Förderung der Büchereien und wissenschaftlichen Bibliotheken im Land und deren Arbeit erstmals auf eine eigenständige, solide Grundlage gestellt" werden sollen.

Schon Bundespräsident Köhler beklagte 2007 den Missstand

Doch es scheint schwer zu sein, Größenordnungen festzulegen: In maximal zwei Kilometer müsse die Bibliothek einer 3000 Einwohner großen Gemeinde erreichbar sein - und mindestens 10 000 Medien vorhalten, davon ein Drittel aus dem Bereich Kinder- und Jugend. Diese Vorgabe stammt aus einem Entwurf für ein Bibliotheksrahmengesetz, das die Gewerkschaft Ver.di ausgearbeitet hat - und bei vielen Kommunen auf wenig Gegenliebe stößt.

"Durchgängige bildungspolitische Zielsetzungen gemeinsam mit dem Bibliothekswesen sind heute weder auf Länderebene noch in der Politik des Bundes in ausreichendem Maße anzutreffen." Diesen viel zitierten Satz sagte der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler am 24. Oktober 2007 bei der Wiedereröffnung der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar - und fügte hinzu, jeder müsse eine Chance auf kulturelle Teilhabe bekommen.

Der 24. Oktober war nicht zufällig gewählt - er ist der "Tag der Bibliotheken", den der Deutsche Bibliotheksverband, dem etwa 2000 Bibliotheken angehören, bewirbt. So wird es vom 24. bis 31. Oktober die Aktionswoche "Treffpunkt Bibliothek" geben, diesmal unter Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck. "Horizonte" lautet der thematische Schwerpunkt, der auch in Hamburg ein großes Programm verspricht. So zeigt die Bibliothek der Helmut-Schmidt-Universität die "25 schönsten deutschen Bücher" der Stiftung Buchkunst, verkauft die Hamburger Kunsthalle am 27. Oktober Dubletten aus ihrer Bibliothek, gibt es einen "medizinischen Bücherflohmarkt" im UKE (30. 10.) und eine öffentliche Führung durch die Bibliothek der TU Harburg (31. 10).

Im Übrigen darf auch jedermann die Bibliothek der Lohbrügger Hochschule nutzen, hier etwa in Büchern der Ernährungs- und Gesundheitswissenschaften stöbern. Chef der mehr als 40 000 Medien ist Reiner Martens, der nicht nur für Studenten seine Bibliothek werktags von 8 bis 21 Uhr öffnet: Gäste zahlen fünf Euro im Monat, können diverse Ermäßigungen erfragen. Auch Martens würde ein Bibliotheksgesetz begrüßen, "um unabhängig von der Politik zu sein". Aktuell erwartet er Etatkürzungen - "schließlich wurden die Studiengebühren wieder aufgehoben".

Bei jeder fünften Bibliothek würden derzeit die Zuweisungen gekürzt, sagt Barbara Schleihagen. Die Geschäftsführerin des mehr als 60 Jahre alten Deutschen Bibliotheksverbands beklagt zudem Probleme mit den Verlagen: "Gerade bei aktuellen Bestsellern sind sie vielfach nicht bereit, über entsprechende Bibliothekslizenzen zu verhandeln."

Tatsächlich sind Romane weitaus gefragter als Sachbücher, bestätigt auch Dietrich Becker, der am Kupferhof vor allem viele "silberne Medien" ausleiht, dazu zählen DVDs, CDs und Blue-Ray-Filme. "Wir können jährlich etwa 60 000 Euro für neue Medien ausgeben. Die brauchen wir auch, um ein attraktives Angebot zu haben." Würde Becker jedoch auf einen großzügigen Mäzen treffen, müsste umgebaut werden: "Ich wünsche mir einen Studienraum für Schulklassen. Außerdem ein großes Kindertheater."