Kultauto

Der "kleine Graue" ist für sie wie die erste große Liebe

Bergedorf. Das erste Auto und die erste große Liebe vergisst man nie, sagt Anke Lewen aus Bergedorf.

Ihr erstes Auto war ein froschgrüner Renault 4 (kurz: R 4), neben Käfer und Ente in den 70er-Jahren der Studenten-Klassiker, mit dem man in den Semesterferien mutig die Reise nach Griechenland antrat. Auch bei Anke Lewens Exemplar aus dem Jahr 1966, das sie 1979 für 400 Mark erstanden hatte, fehlte der gelbe "Atomkraft - Nein-Danke"-Aufkleber nicht. Bis 1982 fuhr sie ihr erstes Auto, dann waren die Rostlöcher so groß, dass die Fußmatte durchrutschte. "Dem R 4 sagte man ja nach, dass er schon im Prospekt gerostet ist", grinst die heute 53-Jährige.

Das hindert sie aber nicht daran, heute wieder so einen Oldtimer zu fahren. Ihren "kleinen Grauen", wie sie das Auto im Familien- und Freundeskreis nennt, hat sie im Februar 2008 für 1000 Euro bei Ebay ersteigert. "Ich hatte all die Jahre davon geträumt, noch einmal R 4 zu fahren, und mir dann schließlich den Traum erfüllt." In Bochum holte sie ihren Traum ab, der damals schon mehr als 20 Jahre auf dem Buckel hatte und ein völlig ausgeblichenes Rot auf den Blechen trug. Die mittelgraue Lackschicht (Herstellerbezeichnung: staubgrau) verpasste sie ihm eigenhändig mit ein paar Freunden in der Selbsthilfewerkstatt. Und gleich nach dem Trocknen klebte sie wieder so ein gelbes Atomkraft-Schild drauf.

Überhaupt ist Anke Lewen eine versierte R 4-Bastlerin, hat dafür eigens am Brookdeich eine große Garage gemietet. Ende dieser Woche war der kleine Graue gerade mal wieder krank, der obere Keilriemen gerissen. "Da hängt zwar nicht die Kühlung dran, aber die Lichtmaschine", sagt sie fachkundig. "Wenn ich jetzt noch lange fahre, ist die Batterie leergelutscht." Einen neuen R 4-Keilriemen gibt es nicht mal eben an der Tankstelle, den muss sie im Internet bestellen. Auch eine Tachowelle hat sie dort neulich aufgetan, weil die vom "kleinen Grauen" gebrochen war. "Ziemlich schwierige Montage", sagt die R 4-Frau, "da braucht man Babyhände, um die Welle vorn am Getriebe festzuschrauben."

34 PS sind nicht viel für so ein Auto - aber genug, um noch einen kleinen Wohnwagen dranzuhängen. Anke Lewen holte sich einen eiförmigen "Weferlinger Heimstolz" - ein DDR-Kultmodell -, zuckelte damit im Sommer stolz durch deutsche Lande.

Ob der kleine Graue - einer von 2400 übriggebliebenen R 4 in Deutschland - es noch lange macht, ist fraglich. Diesen Monat muss er zum TÜV, und die Rostlöcher im Boden sind wieder mal exorbitant. "Muss ich alles schweißen lassen", sagt Anke Lewen, denn das kann sie noch nicht selbst. Und wenn der TÜV dennoch nein sagt? "Dann hole ich mir den nächsten R 4."

"Dem R 4 sagte man ja nach, dass er schon im Prospekt gerostet ist"

Anke Lewen überzeugte Renault-Fahrerin und -Bastlerin