Zwangsarbeiter

"Meine Mutter war eine Fremde"

Bergedorf. Wenn Teresa Krystyna Czoska über ihre Kindheit in Bergedorf berichtet, wird das Grauen greifbar: "Meine Mutter war eine Fremde für mich. Sie kam nur einmal im Monat zu Besuch in unsere Kinderbaracke neben der Asbest-Fabrik", erinnert sich die heute 71-jährige Polin, die gerade am 20 Gäste großen Besuchsprogramm des Hamburger Senats für ehemalige Zwangsarbeiter und deren Nachkommen teilnimmt.

Die Gruppe ist für eine Woche Gast der Hansestadt, nimmt heute auch an der Einweihung des Bergedorfer Mahnmals teil (15 Uhr, Kampdeich).

Teresa Czoska wurde 1941 als Tochter der 29-jährigen Zwangsarbeiterin Lewicka Bronislawa geboren, die bei der Kap Asbest an der heutigen Kurt-A.-Körber-Chaussee eingesetzt war. "Wir lebten mit ganz vielen Kindern neben den Fabrikhallen. Unsere Eltern durften uns nicht sehen. Sie mussten arbeiten. Außerdem wurden wir immer wieder in andere Heime verlegt", berichtete sie bei einem Rundgang durch Bergedorf, den der Freundeskreis des KZ Neuengamme gemeinsam mit dem Leiter des Kultur- & Geschichtskontors, Christian Römmer, organisierte.

Wohin es damals für die Kinder ging, beschriebt Römmer: "Es ist bekannt, dass zahlreiche Insassen der im Bergedorfer Volksmund 'Kinderbaracke' genannten Unterkunft neben der Kap Asbest ins Krankenhaus Langenhorn verlegt wurden. Dort sind etwa 150 Kinder gestorben." Vermutlich sind sie verhungert, wurde der Nachwuchs der "Ostarbeiterinnen" von den Nazis doch als unnötiger Ballast empfunden.

Doch die kleine Teresa hatte Glück. Offenbar verliebte sich die Betreuerin der Kinderbaracke in das Mädchen, wollte es sogar adoptieren. So blieb sie am Leben, auch wenn sie bei Kriegsende zunächst verschwunden war. Mutter und Betreuerin spürten sie nach bangen Tagen aber in einem Lager in Lübeck auf.

1947 kehrten Mutter und Tochter nach Polen zurück, wurden dort aber noch lange als Helfer der Deutschen diskriminiert. Hintergrund: Die Tochter konnte kein Polnisch. Sie hatte in Bergedorf nur Deutsch gelernt.

Trotz der Dramen ihrer Kindheit ist es seit vielen Jahren Teresa Czoskas größter Wunsch, noch einmal Bergedorf zu sehen: "Ich empfinde es als großes Glück, dass ich diesen Besuch noch erleben darf", sagte sie am Zaun der einstigen Kap Asbest. Auch wenn sie zwei Monate zu spät kam: Für den neuen Obi-Baumarkt wurde die markante Fabrikhalle im Juli abgerissen.