Richard Schorr

Vater der Bergedorfer Sternwarte

Bergedorf. Seinen bedeutendsten Schatz hat Bergedorf einem eher kleinen Mann zu verdanken, der allerdings alles andere als unscheinbar war: Richard Schorr (1867-1951) brachte vor gut 100 Jahren das Kunststück fertig, Hamburgs vor allem gegenüber der Wissenschaft knauserigen Kaufleuten den Bau der modernsten und größten Sternwarte Europas abzutrotzen.

Sie entstand von 1906 bis 1912 auf dem Gojenberg und damit auch noch auf dem am weitesten vom Zentrum entfernten Punkt der damaligen Stadtfläche. Ein Umstand, der sie die Zeit dafür ebenso unversehrt wie voll funktionsfähig überdauern ließ - was das Observatorium mittlerweile zum heißen Weltkulturerbe-Kandidaten macht.

"Die Sternwarte atmet noch heute den Geist ihres Gründers", fasst Walter Stephani diese Entwicklung zusammen. Der Kieler Historiker hält Mittwoch in der Bibliothek des Observatoriums, Gojenbergsweg 112, einen Vortrag über den "Gründer, Direktor und Vater der Bergedorfer Sternwarte" (20 Uhr; Eintritt: fünf Euro). Der 55-Jährige hat umfangreich zum Leben und Wirken des Wissenschaftlers geforscht, der mit Frau und sieben Kindern bis zu seiner Emeritierung 1941 der erste Bewohner der Direktoren-Villa auf dem Sternwartengelände war.

Richard Schorr wurde 1892 mit erst 25 Jahren Observator an der alten Hamburger Sternwarte. Sie lag seit ihrer Gründung 1833 am Rande der Wallanlagen, etwa dort wo heute das Museum für Hamburgische Geschichte residiert. Doch wissenschaftliche Forschung war bei Schorrs Antritt schon fast unmöglich. Zu stark die Erschütterungen durch die am Gebäude vorbeifahrenden Straßenbahnen, ganz zu schweigen von der stark verschmutzten Luft und der immer heller erleuchteten Stadt. Doch war die Sternwarte als Ort der exakten Zeitbestimmung für die Seefahrerstadt Hamburg unentbehrlich.

"Also gab es Überlegungen, das Institut samt seiner in die Jahre gekommenen Instrumente einfach an einen anderen Standort mit ähnlichen Räumlichkeiten zu verlegen. Das wäre fraglos die preiswerteste, aber für die Astronomen auch schlechteste Lösung gewesen", fasst Walter Stephani aus heutiger Sicht zusammen. Und es zeichnet Richard Schorr aus, dass er schon damals genau so dachte - spätestens seit er 1902 zum Direktor der Sternwarte berufen wurde. Denn der junge Wissenschaftler entdeckte die neuen Möglichkeiten der Sternenforschung: Neben der Positions- und Zeitbestimmung durch die Astronomie hatte sich zur Jahrhundertwende die Astrophysik entwickelt. Sie konnte ferne Himmelskörper mittels Fotografie und Spektralanalyse erforschen. Also auch der spannendsten aller Fragen nachgehen: Gibt es Leben auf anderen Planeten?

Richard Schorr begann mit der Planung eines Observatoriums, wie es die Welt noch nie gesehen hatte: Sowohl Astronomie als auch Astrophysik sollten möglich sein. Und die Instrumente sollten nicht mehr in einem einzigen Gebäude, sondern verteilt auf einem großen Gelände in vielen Kuppelbauten stehen.

Schorr nutzte die allgemeine Technik-Begeisterung des frühen 20. Jahrhunderts und warf sein außergewöhnliches Charisma, seine Weltgewandtheit und sein Organisationstalent in die Waagschale - und es gelang: "Der Sternwarten-Direktor fand die passende Fläche in Bergedorf, entwarf einen hochinnovativen Wissenschaftskomplex, überzeugte Bürgermeister sowie Senat, fand namhafte Sponsoren und leitete auch noch die Bauarbeiten", fasst Walter Stephani die Lebensleistung des Mannes zusammen, dessen Wirken trotzdem noch in keinem ihm gewidmeten Buch gewürdigt wurde.

Eine Ehre wurde Richard Schorr aber schon zu Lebzeiten zuteil: Sein Bild hängt als Ölgemälde in der Bibliothek der Sternwarte - genau dort, wo Mittwoch auch der Vortrag gehalten wird.