Schwelbrand

Feuer in der Bahn: 24 Züge fallen aus

"Der Zug brennt!", ruft die Frau links am Fenster und deutet auf den dunklen Qualm, der vom Gleis emporsteigt. Jetzt riecht es plötzlich jeder, es stinkt nach verschmorten Kabeln. Geistesgegenwärtig zieht einer der Fahrgäste die Notbremse, gerade als die S-Bahn um 11.55 Uhr aus Allermöhe kommend in den Bahnhof Nettelnburg einfährt. Dann geht alles ganz schnell: Der Zugführer fordert die Feuerwehr an, alle Fahrgäste müssen aussteigen. Die Polizei evakuiert den kompletten Bahnhof, sperrt die Eingänge mit Flatterband ab. Auch die Bahnstrecke wird gesperrt, der Strom abgestellt.

Als die Feuerwehr eintrifft, ist der Brandgeruch schon an der Straße zu riechen, wo der Zug brennt, ist jedoch zunächst unklar. Mit einer Wärmebildkamera macht sich der Einsatzleiter auf die Suche und wird unter dem vierten Waggon fündig. Dort misst die Kamera vom Bahnsteig aus 200 Grad. Wie sich später herausstellt, glüht ein elektrischer Bremswiderstand im Wagenboden. Die Männer koppeln den Waggon ab, schieben ihn mit Muskelkraft ans Bahnsteigende. Dort kommen die Helfer besser an den Unterbau des Zuges heran. Mit Kohlendioxidlöschern kühlt die Feuerwehr unter Atemschutz den Brandherd. Nach einer halben Stunde zeigt das Wärmebild nur noch 35 Grad an - Entwarnung.

Auf der Strecke zwischen Bergedorf und Berliner Tor setzt der HVV unterdessen Busse und Taxen als Ersatzverkehr ein. Dennoch kommen Tausende Pendler zu spät. Insgesamt fallen 24 Züge komplett aus. "Wir haben am 1. August unsere Ausbildung begonnen und kommen gleich zu spät zur Arbeit. Das ist echt peinlich", ärgert sich Simone Kaczmarek, die sich mit ihren Freundinnen in Bergedorf in den Ersatzbus quetscht. "Peinlich", findet die Situation auch Okan Ö. aus Aumühle. Der 24-jährige Logistiker arbeitet in Billwerder und muss in Bergedorf in die S-Bahn umsteigen: "Gleissperrungen kommen hier ständig vor. Meinen Vorgesetzten kommt es auch langsam spanisch vor, dass ich oft zu spät komme. Das ist mir echt unangenehm." Auch Madeleine Schürg ist nicht begeistert. Nach dem Dienst in Geesthacht ist die Buchhalterin müde, doch ihre Laune lässt sie sich nicht verderben: "Nützt ja nichts, da müssen wir jetzt wohl durch."

Nach Angaben der Bundespolizei habe eine unkontrollierte Stromabgabe (600 Volt) im Bremswiderstand den Brand ausgelöst. Mehrere Pendler sagten, es hätte schon häufiger in der S-Bahn verschmort gerochen, immer wieder in Nettelnburg. Der defekte Waggon wurde nach den Löscharbeiten wieder angekoppelt, nach Bergedorf abgeschleppt und zur näheren Untersuchung ausgesetzt. Um 13.36 Uhr war die Strecke wieder frei, genau 100 Minuten nach dem Alarm.

"Gut, dass der Brand so früh bemerkt wurde", meint Feuerwehreinsatzleiter Jens Kowe (43). Der Widerstand aus einer Aluminium-Kupfer-Legierung sei so heiß geworden, dass das Metall bereits zu Asche zusammengeschmolzen war. "Durch den Fahrtwind hätten die Flammen schnell auch auf den Fahrgastraum übergreifen können."