Sternwarte

Tiefe Einblicke in die Kinderstube des Universums

Bergedorf. Nein, als Kind schaute er nicht träumend durchs Dachfenster und beobachtete Sterne. "Aber neugierig war ich immer und wollte unbedingt wissen, was im Weltall los ist", erzählt Dr. Marcus Brüggen. Und so wird man auf der nur 4,5 Milliarden alten Erde eben Astrophysiker.

Nach dem Studium im englischen Cambridge blieb er fast elf Jahre an der Jacobs University in Bremen, bevor der 39-Jährige seit zwei Wochen nun die fünfte Professorenstelle an der Sternwarte am Gojenbergsweg 112 bekleidet. Schwerpunkt: extragalaktische Astrophysik - "also alles außerhalb der Milchstraße", sagt Brüggen, der mit seiner Familie in Wentorf wohnt.

Dass die Welt nicht in sieben Tagen erschaffen wurde, sondern nach einem kurzen Urknall entstand - darin sind sich die Wissenschaftler einig. Was aber waren die ersten Lichtquellen? Gab es zuerst die Sterne oder schwarze Löcher? Antworten erhofft sich die Forschung von der Radioteleskopanlage LOFAR (Low Frequency Array, etwa Niedrig-Frequenz-Verbund), mit europaweiten Antennenfeldern, die schwache Radiowellen von kosmischen Objekten auffangen. "Damit können wir in den Wellenbereich nahe unseres terrestrischen Radius' schauen, die Erdatmosphäre herausfiltern und glasklar auf Galaxien gucken", schwärmt Brüggen: "Wir werden erstmals in ein neues Zeitalter gucken können, als es noch keine Sterne gab, also einige Millionen Jahre nach dem Urknall."

Auch in Hamburg wurde nach einem Feld für solche Antennen gesucht, die nicht von einem Flughafen oder einem digitalen TV-Sender gestört werden dürfen. "In den Vier- und Marschlanden ist das Netz leider zu langsam. Fündig wurden wir in Norderstedt, wo wir Ende des Jahres mit dem Bau beginnen", freut sich der 39-Jährige auf hochmoderne Computerdaten, die andere Einblicke versprechen als Röntgen-Teleskope, Infrarot- oder UV-Strahlen. Nicht zuletzt sei jedes einzelne Antennenfeld ein Schritt zum größten Teleskop der Welt, erklärt Brüggen: "Das Square Kilometer Array, das bald in Südafrika und Australien gebaut wird, kostet mehr als eine Milliarde Dollar."

Dass das Universum 13,6 Milliarden Jahre alt ist, gilt als gewiss. Aber als eine "Peinlichkeit der Physik" bezeichnet Dr. Brüggen, "dass wir nur wissen, dass vier Prozent des Universums aus normaler Materie wie Wasser- und Kohlenstoff besteht". Die restlichen 96 Prozent sind den Wissenschaftlern ein Rätsel, das wohl zum Großteil aus beschleunigender, dunkler Energie besteht und zu etwa einem Viertel aus Schwerkraft produzierender Materie. "Die Zusammensetzung der Teilchen ist aber komplett unbekannt", ärgert sich der Astrophysiker.

Was aber würde das Wissen um diese Teilchen der Menschheit nutzen? Jetzt leuchten auch die Augen von Bergedorfs Sternwarten-Direktor Dr. Peter Hauschildt: "Vielleicht lässt sich die LOFAR-Technik in 20 Jahren auch im Alltag einsetzen", meint der 49-Jährige - und zieht einen aus heutiger Sicht praktischen Vergleich: "Ohne die Relativitätstheorie von Albert Einstein würde heute kein einziges GPS-Navigationsgerät funktionieren."

Vorträge über neueste Techniken soll es im Winter wieder geben. Derzeit lädt der Förderverein ein: Am Mittwoch, 18. Juli, berichtet Ansgar Korte von 20 Uhr an über Walter Baade, laut dessen Berechnungen das Weltall doppelt so groß ist wie zuvor angenommen. 1920 entdeckte Baade, der von 1919 bis 1931 an der Sternwarte forschte, den Kleinplaneten Hidalgo.