Afghanistan

Eine Schule ohne Wasser, Möbel und Toiletten

Bergedorf (tv). Enajatulla Habib hat die längste Zeit seines Lebens in Deutschland verbracht. Aber die Liebe zu seiner afghanischen Heimat hat den früheren Gewerbelehrer der Gewerbeschule G19 nie verlassen.

In den 70er-Jahren studierte der heute 66-Jährige in Hamburg Bauingenieurwesen, unterrichtete dann seit 1979 Bautechnik. 2011, im Jahr nach seiner Pensionierung, kam er erstmals nach langer Zeit wieder nach Afghanistan. In der Hauptstadt Kabul baute er vier Monate lang ein Institut für technische Lehrerfortbildung in einer ehemaligen Deutschen Schule mit auf, richtete Labors ein und unterrichtete die dortigen Schulpädagogin in naturwissenschaftlichen Fächern wie Biologie oder Chemie.

"Das hatte alles Hand und Fuß", beschreibt Habib, der mit seiner Ehefrau ein Reihenhaus im nördlichen Lohbrügge bewohnt. "Der Aufbau der Lehrerschule war von der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) gefördert, insbesondere Kanada hatte sich dort finanziell engagiert. Es war wirklich ein schönes Arbeiten mit Kollegen aus mehreren europäischen Ländern."

Ein Unterschied wie Tag und Nacht war es dann, als Habib vor wenigen Wochen eine ländliche Grundschule in Afghanistan besuchte - gerade mal 15 Kilometer von der Hauptstadt entfernt. "Außer etwa 800 Schülern und einem guten Dutzend Lehrern gibt es dort einfach nichts", schildert Habib bestürzt. "Kein Trinkwasser, keine Toiletten, kein Mobilar. Die 1,50 bis zwei Meter hohen Wände haben keine Dächer, stattdessen schützen Plastikplanen vor Regen."

Seit seiner Rückkehr aus Afghanistan kann Enajatulla Habib kaum schlafen. Die stummen Blicke der sechs- bis 13-jährigen Jungen und Mädchen, die auf dem felsigen Boden kauern und von ein paar mutigen Lehrern in der hitzigen Sonne betreut werden, verfolgen ihn bis in seine Träume. "Drei Stunden täglich müssen die Kinder aushalten, dann marschieren sie noch einmal mehr als eine Stunde lang durstig über den Berg und hinunter in ihre Dörfer", beschreibt Habib. "Währenddessen ist in der Schule die nächste Gruppe an der Reihe, 800 Kinder am Tag."

Die Sufi-Askari-Schule, benannt nach einem afghanischen Dichter, wird von der Kabuler Schulbehörde verwaltet. "Sie tritt wahrscheinlich auch in den Statistiken auf, die gern auswärts präsentiert werden, um den Fortschritt des Landes dank internationale Hilfen vorzuweisen", meint Pädagoge Habib. "Ich verstehe nur nicht, wieso diese Feldschule vor den Toren der Hauptstadt nichts von dem vorgegebenen Fortschritt mitbekommt."

"Was man selber tatsächlich sieht und erlebt, ist immer ganz anders, als was man nur zu hören bekommt", sagt Enajatulla Habib.

"Nachdem ich diese Kinder gesehen habe, habe ich mir vorgenommen: Ich will der Sufi-Askari-Schule helfen, will eine richtige Schule daraus machen."

Zuallererst wird ein Brunnen gebraucht, sagt Habib. Erfahrungsgemäß müsse man 30 bis 40 Meter tief bohren. Mit etwa 100 Euro, schätzt er, müsste das in Afghanistan machbar sein. Als nächstes folgen dann sanitäre Anlagen, Dächer, Schulmobilar. "Ich werde hier in Deutschland Vorträge halten, Menschen auf die Situation aufmerksam machen und mobilisieren", hat Habib sich vorgenommen. "Es gibt hier eine ganze Reihe von Afghanen, die genug Geld haben, um etwas zu spenden." Den Einsatz der Mittel zum Aufbau der Schule will er dann eigenhändig in die Wege leiten und steuern.