Inklusion

"Am 1. August gibt es einen Systemwechsel"

Boberg (voe). Es ist eine Frage des Menschenrechts: "Niemand darf wegen einer Behinderung benachteiligt werden", schreibt das Grundgesetz in Artikel 3 vor.

Der SPD-Senat folgert daraus eine zwingende Umgestaltung der Schullandschaft. Denn Hamburg steckt betroffene Schüler bisher in sogenannte Förderschulen, enthält ihnen also "normale" Schulen bewusst vor.

Also wird schon nach den Sommerferien umgesteuert: "Inklusion" heißt das Zauberwort, hinter dem sich der gemeinsame Unterricht für behinderte und nicht behinderte Kinder an allen gewöhnlichen Regelschulen verbirgt. Konkret sollen ab August in jeder ersten und fünften Klasse bis zu vier Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf unterrichtet werden. Die bisherigen Förderformen, allen voran die Förderschulen sollen auslaufen. Ob ihnen aber wirklich das Ende droht, hängt von den Eltern der Schüler mit Behinderung ab: Allein ihnen obliegt ab sofort die Entscheidung, ob sie den Ideen der "Inklusion" vertrauen oder doch eher der Kompetenz der Förderschulen.

"bz"-Mitarbeiterin Kerstin Völling hat mit Ulrich Hoch (58) gesprochen, seit 1997 Leiter der Sonderschule am Weidemoor. Dort werden 134 Schüler mit besonderem Förderbedarf unterrichtet. Die Schülerschaft ist sehr gemischt und umfasst unter anderem geistig behinderte sowie körper- und sprachbehinderte Kinder.

In fünf Wochen, zum 1. August, treten die neuen Regelungen in Kraft. Verabschiedet sich Bergedorf dann von seinen Förderschulen?

Ulrich Hoch:

Nein. Von unserer jedenfalls ganz sicher nicht. Schulsenator Ties Rabe hat zugesichert, dass jene Sonderschulen erhalten bleiben, die genügend Anmeldungen haben. Wir haben jährlich zwischen neun und 13 Anmeldungen für die ersten Klassen. Die Anmeldungen an unserer Schule sind also konstant hoch, seit fünf, sechs Jahren sogar leicht steigend trotz gleichzeitiger Inklusion. Die findet ja über die Integrationsklassen (I-Klassen) und die Integrativen Regelklassen (IR) längst statt.

Was wird denn dann nach dem 1. August anders?

Es gibt einen Systemwechsel. Die Eltern von Kindern mit Förderungsbedarf in den Bereichen Lernen, Sprachen, Verhalten werden dann die freie Wahl haben, an welchen Schulen sie ihren Nachwuchs anmelden. Das gab es bisher nicht. Die Schule in Altengamme beispielsweise verfügte weder über I- noch über IR-Klassen. Schüler mit Störungen in der geistigen Entwicklung mussten deshalb beispielsweise in der Schule am Max-Eichholz-Ring oder in der Grundschule Nettelnburg angemeldet werden, auch wenn sie in Altengamme wohnten.

Die I- und IR-Klassen waren festgeschriebene Modelle, bei denen hinsichtlich des Förderbedarfs auch jeweils auf das einzelne Kind eingegangen wurde. Es wurde stets gefragt: 'Wie wird man dem jeweiligen Kind gerecht?' Ab 1. August gibt es für die meisten Kinder mit Förderbedarf nun lediglich eine generelle Zuweisung von fünf Prozent an sonderpädagogischer Kompetenz für alle Schulen. Nur Kinder mit speziellem Förderbedarf erhalten weiter persönliche Ressourcen über ein Gutachten.

Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die bisherigen Ressourcen auf alle Schulen verteilt und finanziell gedeckelt werden. Dazu gibt es einen Schlüssel. Grundsätzlich erfolgt die Förderung durch einen Mix an Sonderpädagogen auf der einen und Erziehern und Sozialpädagogen auf der anderen Seite. Und das im Verhältnis 40 zu 60 Prozent. Nach Möglichkeit sollen nicht mehr als vier Kinder mit Förderbedarf in eine Klasse. Wobei auch darauf geachtet wird, ob die jeweilige Schule in einen sozialen Brennpunkt liegt oder nicht. Liegt sie in schwierigem Umfeld, kann sie mit mehr Mitteln rechnen.

Was ändert sich noch?

Die Förderschule An der Twiete und die Beratungs- und Unterstützungsstelle REBUS sollen in die jetzige Clara-Grunwald-Schule ziehen. Dort entsteht ein Bildungs- und Beratungszentrum (BBZ) unter Einbeziehung auch der Sprachheilschule Reinbeker Redder. Langfristig werden dort komplett die Beratung und der Schulteil untergebracht. Unsere Schule wird, wenn gewünscht, mit dem BBZ kooperieren. Aber das haben wir ja bisher mit den anderen Schulen auch getan.

Sie klingen etwas skeptisch. . .

Ja. Denn das bisherige System mit I- und IR-Klassen hat gut funktioniert. Die finanzielle Deckelung dagegen schränkt die Schulen ein. Auch der Schlüssel ist problematisch. So geht man etwa davon aus, dass zum Beispiel eine Schule, die nicht im sozialen Brennpunkt liegt, im Durchschnitt gerade mal zwei Kinder mit Förderbedarf hat. Das ist knapp bemessen. Ich weiß auch, dass die integrative Grundschule Nettelnburg ihre Zuweisungen nach dem neuen System schon berechnet hat und ab August unterm Strich mit weniger Ressourcen auskommen muss. Ich hätte es daher lieber gesehen, wenn das gut funktionierende System mit I- und IR-Klassen ausgeweitet worden wären. In Bergedorf haben wir sehr gute Erfahrungen damit gemacht: Während die Integrationsquote der Schüler mit dem besonderem Förderungsbedarf in ganz Hamburg bei 20 Prozent in herkömmlichen Schulen und 80 Prozent in Sonderschulen liegt, ist in Bergedorf das Verhältnis fast 60 zu 40.

Sind das die einzigen Kritikpunkte, die Sie haben?

Nein. Das neue System berücksichtigt zum Beispiel auch nicht, dass man Zeit braucht, um sich über die Schüler mit Förderbedarf auszutauschen. Manche Kinder haben gleich mehrere Handicaps. Da ist sowohl eine Beratung als auch eine Diagnostik notwendig. Wenn wir unsere vorgesehene Tätigkeit in Zukunft hier fachlich angemessen ausüben sollen, bräuchte ich mindestens eine zusätzliche Dreiviertelstelle - einen Sonderpädagogen. Zusätzliche Kräfte sind aber nicht vorgesehen. Darüber hinaus gibt es bisher noch keinen Inklusionslehrplan. Was also soll man ab dem 1. August wie lehren? Und schließlich bleibt offen, was aus den bisher integrierten Therapieangeboten wird. Manche Schüler mit körperlichen Behinderungen müssen Übungen etwa zu ihrer Sitzhaltung machen. Erst recht, wenn die Schulen jetzt alle Ganztagsschulen werden. Doch alles, was wir bisher wissen, ist, dass wir uns mit den Krankenkassen kurzschließen sollen, um für die Therapien externe Kräfte in die Schule zu bekommen. Wie die Umstellung im Einzelnen funktionieren soll, wer welche Aufgaben erhält und wie alles organisiert wird, ist unklar. Und das, obwohl die Arbeit im neuen System schon am 1. August beginnt.