Leserbrief: Der neue Bergedorfer Bahnhof

"Es fehlt noch ziemlich viel, bis es ein richtiger Bahnhof ist!"

Betr.: "Bergedorfs roter Teppich endlich feierlich eröffnet", Titelseite vom 2. 6. 2012

Das alte Bahnhofsgebäude verschwand, ein neues sollte folgen, modern und funktional. So wurde das Bauprojekt mit Integration des Busbahnhofs angegangen. Nun nach gut vier Jahren Entstehungszeit sehen wir der Vollendung mit großer Erwartung entgegen.

Was ist aber geschehen? Beim Betrachten und Erforschen des neuen Bahnhofkomplexes kommt die Frage auf, ist hier ein Bahnhof, der seiner Aufgabe gerecht werden soll, überhaupt gewollt?

So möchte ich meine Eindrücke im Folgenden schildern:

Dass es sich hier tatsächlich um ein Bahnhofsgebäude handelt, wäre nicht so gleich erkennbar, wenn nicht am First der Außenfront, die als bedrohliche Mauer mit beliebigen Glastüren den Einlass gewährt, provokativ in großen Lettern die Behauptung "Bergedorf Bahnhof" prangen würde.

Unterstrichen wird das Erscheinungsbild eines Nichtbahnhofs durch das Fehlen des wichtigsten Zubehörs einer solchen Institution: Zeitanzeiger, sprich: Uhr! Weder im Außenbereich noch innerhalb des Gebäudes wird dieses so wichtige Signalinstrument eines Bahnhofs von mir gesichtet. Irritierend und unverständlich muss ich zur Kenntnis nehmen, den Bergedorfer Reisenden schlägt keine Stunde.

Nun weiter im Geschehen: bei dem Versuch die Abfahrts- bzw. Ankunftszeiten aus den in Schaukästen befindlichen Fahrplänen zu entnehmen, ebenfalls Fehlanzeige. Die gibt es hier nicht.

Es muss ja ein Reisezentrum geben, aber nur wo? Versteckt, als ob die Bahner in Ruhe gelassen werden möchten, finde ich seitlich hinter der "stilvollen" Rolltreppe ein unscheinbares Informationsbüro. Zu mehr hat es wohl nicht gereicht, da die besten Stellflächen wohl den Geld einbringenden Geschäftsfilialisten überlassen worden sind. Nun gut; jedenfalls öffnet sich die Glastür automatisch und so kommt man unbeschwerlich zur Information. Leider vermisse ich hier die übliche Auslage der kleinen hilfreichen Fahrpläne, die überraschenderweise am Schalter nur auf Nachfrage ausgehändigt werden. Das übrigens in Bergedorf zeitweilig etliche ICE-Züge Halt machen, scheint von der Bahn nicht gewollt zu sein und ist nur Eingeweihten bekannt.

Da noch etwas Zeit verbleibt bis zur Abfahrt, erkundige ich mich nach dem Ort der Gepäckaufbewahrung. Auch hier Fehlanzeige. Kein Ort. Nichts, wo die sperrige Last abzugeben wäre. Gepäckaufgabe ist von gestern. Und Schließfächer? Die hat man bei der Entstehung wahrscheinlich wegen der Gefahr, es könnten Bombenkoffer verwahrt werden, erst gar nicht in Betracht gezogen. Tja, was soll's; jetzt brauche ich ein gepflegtes Bier zur Beruhigung und suche die Bahnhofsklause. Und auch hier: Fehlanzeige! Bestimmt spielt hier die Toilettenproblematik eine entscheidende Rolle. - Ich verstehe nur noch Bahnhof.

Genervt nehme ich die nächste S-Bahn, zum wirklichen Bahnhof: Richtung Hauptbahnhof.

Volker Maleck

21031 Hamburg