"Casablanca"

Schutzgeld, PKK-Hilfe oder Spielschulden?

Lohbrügge. Zunächst war Selcuk E. wie sein mutmaßlicher Komplize Zeynel M. in Untersuchungshaft genommen worden. Weil E. auch beim zweiten Prozesstermin gestern fehlte, beschloss das Hamburger Landgericht, sein Verfahren zu trennen.

Dabei gilt E. als möglicher Auftraggeber des wegen schwerer Körperverletzung angeklagten Zeynel M. Doch E. konnte untertauchen, nachdem er - unter Auflagen - aus der U-Haft entlassen worden war.

Vor dem Lokal "Casablanca" an der Alten Holstenstraße schoss der 32-jährige Zeynel M. zweimal auf seinen türkischen Landsmann Tahir B. (35). Eine Kugel aus der russischen Makarow-Pistole durchschlug den rechten Oberschenkel des Opfers, die zweite streifte seine linke Hand. Noch heute leidet B. unter den Folgen der Schussverletzungen vom 21. Dezember 2011. Dennoch mochte er gestern als Zeuge nichts Böses über den Pistolenschützen sagen: "Eigentlich ist Zeynel ein Guter. Er wurde von seinem Freund Selcuk E. zu der Tat angestiftet."

Selcuk E. glänzte erneut durch Abwesenheit. Kurz vor dem Beginn des Prozesses am 6. Juni ist er offenbar untergetaucht. Wie schon am ersten Verhandlungstag konnte sein Verteidiger Uwe Maeffert auch gestern keine Angaben zum Verbleib seines Mandanten machen.

Zeynel M. sitzt dagegen immer noch in Untersuchungshaft, jetzt wird zunächst nur gegen ihn verhandelt. Der Staatsanwalt unterstellt ihm keine Tötungsabsicht, deshalb ist er "nur" wegen gefährlicher Körperverletzung, versuchter räuberischer Erpressung und unerlaubten Waffenbesitzes angeklagt.

Die Hintergründe der Schießerei blieben gestern weitgehend im Dunkeln. Nur soviel stand fest: Es ging um 5000 Euro, die Tahir B. angeblich als "Strafgeld" zahlen sollte. "Ich saß mit einigen Landsleuten im Casablanca, wir spielten Karten", berichtete er gestern. "Plötzlich bekam ich einen Telefonanruf und auch eine SMS, dass ich 5000 Euro zahlen sollte. Der Anrufer drohte mir, dass sonst meinen Kindern etwas passieren könnte, er wüsste, wo meine Familie wohnt". Tatsächlich erschienen Zeymel M. und Selcuk E. in dem Lokal und wiederholten die Geldforderung. Die drei Männer gingen nach draußen, dort fielen dann die Schüsse.

"Wenn jemand ohne Grund 5000 Euro von mir verlangt, würde ich mich erst einmal wundern", sagt der Vorsitzende Richter Haller dazu und kam dann deutlicher zur Sache: "Könnten es Schulden aus Drogengeschäften gewesen sein? Immerhin wurden Sie schon zweimal wegen Rauschgifthandels verurteilt." Auch die Varianten Spielschulden, Schutzgeld für eine vom Zeugen geplante Geschäftseröffnung und Zahlungen an die kurdische Untergrund-Organisation PKK wurden diskutiert. "Nichts von alledem", sagte Tahir B., eigene Vorstellungen zum Grund der Geldforderung konnte er aber nicht beisteuern. Auch vom Angeklagten Zeynel M. waren gestern keine Auskünfte zu erwarten. Er will zunächst zur Sache nicht aussagen. Der Prozess wird fortgesetzt.

"Könnten es Schulden aus Drogengeschäften gewesen sein?"

Richter Haller, Landgericht Hamburg