Kürzungen in der Jugendhilfe

"Wir sind keine Sparschweine"

Bergedorf. Mit Trillerpfeifen, Warnwesten, Seifenblasen und Protestplakaten zogen knapp 100 Kinder- und Jugendliche ins Lichtwarkhaus, wo sie zuvor den Sitzungssaal der Jugendpolitiker geschmückt hatten:

Ein bunter "Kilometerbrief" umrundete die Tische, in deren Mitte Pappkartons standen mit Aufschriften wie "Wir sind nicht Eure Sparschweine", "Kürzt uns nicht weg" oder "Olaf, es ist noch nicht zu spät".

Weil der Senat plant, der offenen Kinder- und Jugendhilfe zehn Prozent (sieben Millionen Euro) des Budgets zu kürzen, bestimmt mehr Sorge als Wut die Atmosphäre: "Was soll aus uns werden, wenn wir das alles verlieren, müssen wir auf der Straße stehen?", fragte eine Teenagerin, die sich - wie viele andere - davor fürchtet, dass in Bergedorf ein Jugendclub geschlossen wird, andere Häuser ihre Angebote stark reduzieren müssen. "Ohne Jugendclub hätte ich nicht so viele Freunde gefunden", sagte ein Mädchen. "Würde es die Sparmaßnahmen auch kurz vor statt kurz nach einer Wahl geben?", fragte eine andere Protestlerin.

Nachdem sich der Vorsitzende des Jugendhilfe-Ausschusses (JHA), Sozialdemokrat Paul Kleczsz, das Johlen und Pfeifen verbat, auf Gesprächsregeln hinwies, erklärte Angela Jeglin (Sprungbrett e.V.) im Namen der Protestler: "Mittagessen und Nachmittagsangebote in der Schule sind wichtig, wir wollen aber weniger Regeln als in der Schule und in den Familien. Jugendliche brauchen auch Häuser, in denen sie sich entspannen können."

Allein die SPD trage die Verantwortung für Kürzungen, betonten Michael Böckenholt (Jugendzentrum Vierlande) und Stefan Thomsen (Haus Warwisch): "Alle anderen Parteien sind dagegen, auch der Landesjugendhilfe-Ausschuss. Wenn die SPD 420 Millionen Euro für Hapag-Aktien ausgibt, kann uns niemand weismachen, sieben Millionen für die Jugendhilfe würden die Stadt bankrott machen."

Man müsse das Szenario nicht so erschreckend, sondern moderater vermitteln, "pfleglicher mit den Kindern umgehen", meint Brigitte Michiels-Lein, deren Genossin KatrinRabe den Protest so kritisiert: "Sie polarisieren zu stark. Wenn zehn Prozent gekürzt werden, ist doch wichtig, dass 90 Prozent bleiben."

Voraussichtlich nach den Sommerferien wird die Bürgerschaft über Kürzungen beschließen, aber schon im Mai will Bergedorfs Verwaltung ein Konzept vorlegen: "Wir wollen den freien Trägern gegenüber fair sein, damit sie rechtzeitig kompensieren können", sagte Jugenddezernentin Angela Braasch-Eggert - und erntete Kritik für diesen vorauseilendem Gehorsam: "Hier hat die Verwaltung ein Glaubwürdigkeitsproblem. Ist es nicht eher fair, zu kämpfen, um noch etwas retten zu können?", entgegnete Cornelia Fries (Die Linke).

Dass Bergedorf einen umfassenden Jugendhilfeplan braucht, der sich nicht an finanziellen Vorgaben, sondern am Bedarf ausrichtet, ist unumstritten - "wenn wir auch nicht im planerischen Nebel stochern", hieß es aus dem Jugendamt. Das Amt will nach Genesung der entsprechenden Mitarbeiterin sofort mit dem Plan beginnen, schließlich wurde der entsprechende SPD-Antrag einstimmig angenommen.

Heute wollen die Jugendlichen erneut demonstrieren, stehen am Rathaus, bevor um 18 Uhr die Bezirksversammlung beginnt. Ein bisschen Hoffnung bleibt, wenn auch nur als einmalige Chance: "Wir werden den FDP-Antrag, die Kürzungen durch Mittel im Bildungspaket aufzufangen, unterstützen", kündigte Paul Kleczsz (SPD) an.