Woche des Gedenkens

Er wollte kein "Komplize einer staatlichen Mörderbande" sein

Bergedorf (tv). "Wenn es eine Zeit in meinem Leben gibt, die ich nicht bereue, dann ist es diese", sagt Hans Heisel (90), wenn er von seinem waghalsigen Widerstandskampf gegen das deutsche Nazi-Regime spricht.

Der frühere Marinesoldat aus Leverkusen nutzte seinen Einsatz als Funker und Fernschreiber in Paris, um die französische Widerstandsbewegung mit Informationen zu versorgen und auch andere deutsche Soldaten in Frankreich zum Seitenwechsel zu bewegen. Hans Heisel kommt am morgigen Freitag, 13. April, zum öffentlichen Zeitzeugengespräch ins "Café Flop" an der Wentorfer Straße 26. Der Abend mit dem Titel "Von der deutschen Marine in die französische Résistance" eröffnet die "Woche des Gedenkens" mit mehr als 30 Veranstaltungen im Raum Bergedorf.

"1940 war ich froh über meinen Einsatz als Fernschreiber in Paris und fühlte mich wie die meisten Deutschen zunächst einmal wie Gott in Frankreich", gibt Heisel zu. "Ich stellte keine Fragen nach dem Grund unserer Anwesenheit. Der Wein war gut und die Mädchen schön." Doch Tag für Tag setzt ihm der brutale Besatzungsalltag mehr zu, und in Hans Heisel beginnt ein langsamer Wandlungsprozess. "Ich erkannte, dass ich ein Komplize einer staatlich organisierten Mörderbande war."

Ausschlaggebend ist letztlich die Begegnung mit einem französischen Friseur und einem Schneider im Jahr 1941. Diese stellen ihm Fragen über die Ziele der Okkupation, zu Konzentrationslagern und Deportationen. Das zwingt den jungen Marinesoldaten zum Nachdenken, entfacht den Gewissenskampf, prägt sein politisches Bewusstsein. Die Gespräche öffnen ihm die Augen. Die beiden Franzosen stellen den Kontakt zur französischen Résistance her, für die Heisel schrittweise unter dem Decknamen Albert Roche zu arbeiten beginnt.

Die Überzeugung und Aufklärung von deutschen Soldaten ist Heisels Hauptaufgabe. Er spricht mit ihnen und versucht, die Kritischen unter ihnen herauszufinden. "Das war nicht immer gerade einfach, da die meisten entweder überzeugte Hitler-Anhänger waren oder nicht wagten, sich öffentlich negativ zu äußern. Schließlich konnte ich jedoch noch zwei weitere Kameraden in meiner Abteilung für den Widerstand gewinnen und arbeitete fortan mit ihnen zusammen."

Ab 1943 verteilen die drei Wehrmachtssoldaten heimlich Flugblätter, die den Krieg verurteilen. Sie platzieren sie überall dort, wo sich deutsche Soldaten aufhalten. Hans Heisel trägt immer Propagandamaterial bei sich und läuft somit ständig Gefahr, bei Durchsuchungen aufzufallen. Teilweise geht er sogar noch weiter: "Wenn in irgendeinem Café junge Männer regimekritisch diskutierten, steckte ich denjenigen einfach Flugblatt zu. Dabei hätten die ja auch einfach nur Provokateure und Spitzel sein können." Meistens hat Hans Heisel bei seinem riskanten Spiel großes Glück - aber nicht immer. Eine weitere Taktik besteht darin, auf Toiletten von beispielsweise deutschen Restaurants Flugblätter in die Klopapierrollen zu stecken: "Einmal wurde ich dabei erwischt, wie ich Propagandamaterial in die Rollen stopfte. Mein Verfolger wollte mich natürlich sofort melden. Ich riss ihm die Beweisrolle aus der Hand, richtete meine Pistole auf ihn und rannte um mein Leben."

Eine andere Aufgabe des jungen Marinesoldaten ist die Beschaffung von Waffen für die Résistance. "Einmal war eine Gruppe von Soldaten im Schwimmbad. Mein Kollege und ich nutzen die Gelegenheit, schlichen uns in die Umkleidekabinen und packten ein Dutzend Pistolen ein."

Das Zeitzeugengespräch mit Hans Heisel beginnt morgen um 20 Uhr, Eintritt frei.