KZ Neuengamme

"Kaum zu fassen, dass die das überlebten"

Bergedorf. "Lebt die Bestie Frau Huhn noch?" Mit dieser bangen Frage im Kopf und Tränen in den Augen näherten sich die Cousinen Christina und Walentina dem Sitz der Firma Max Armbruster gleich hinter den Stuhlrohrhallen.

"Bei beiden spielten die Nerven verrückt, sie wären uns beinahe zusammengebrochen", erinnert sich Alfred Dreckmann an jene Tage im Mai 2000.

Der ehemalige Leiter des Bergedorf-Museums im Schloss hatte die beiden Ukrainerinnen damals eingeladen, sich im Alter von über 70 Jahren nochmals auf die Spur des Leidenswegs ihrer Jugend zu machen. Beide waren im Sommer 1942 aus ihrer ukrainischen Heimatstadt Mariupol nahe der Krim von der SS verschleppt worden. 17 Tage dauerte damals die Reise mit 50 Mädchen im verschlossenen Güterwaggon nach Deutschland. Bis auf die Knochen abgemagert kamen die 14 und 17 Jahre alten Cousinen im Juli schließlich in Bergedorf an.

Die kommenden drei Jahre sollten aber fast noch schlimmer werden: Gearbeitet wurde in Zwölf-Stunden-Nachtschichten, stets unter dem Dauerterror der Lagerleiterin Frau Huhn. Sie war für drakonische Strafen bekannt. So sperrte sie die beiden Cousinen für drei Tage in den überfluteten Fabrik-Keller, nur weil die ausgehungerten Mädchen heimlich Kartoffelschalen von russischen Zwangsarbeitern der benachbarten Glasfabrik Hein & Dietrichs angenommen hatten.

"Kaum zu glauben, dass die Cousinen alles überlebt haben", sagt Dreckmann. "Vielen anderen war das nicht vergönnt. Besonders schlechte Karten hatten die in Deutschland geborenen Kinder der Zwangsarbeiter. Die schwangeren Mütter wurden nach unseren Recherchen in eine Baracke neben dem heute noch stehenden Gebäude der KAP-Asbest-Fabrik nahe der Kreuzung Sander Damm/Kurt-A.-Körber-Chaussee verlegt. Der Nachwuchs wurde ihnen gleich nach der Geburt weggenommen und im Krankenhaus tot gespritzt. Ihre unheimliche Unterkunft trug im Volksmund noch lange den Namen 'Kinderbaracke'."

Über diese und viele weitere Schicksale wird am Sonntag von 19 Uhr an im Kulturzentrum Lola, Lohbrügger Landstraße 8, gesprochen. Vorträge von Christian Römmer (Kultur- & Geschichtskontor), der langjährigen Leiterin des Besuchsprogramms des Senats für ehemalige Zwangsarbeiterinnen, Katja Hertz-Eicherode, und Christine Eckel von der Arbeitsgemeinschaft Neuengamme sollen nach gut einer Stunde in eine Diskussion mit dem Publikum münden. Der Eintritt ist frei.

Das Trio auf dem Podium will das Thema Zwangsarbeit sehr vielseitig beleuchten. Schließlich gab es verschleppte junge Menschen wie die Cousinen Christina und Valentina ebenso wie Kriegsgefangene und natürlich die Insassen der Konzentrationslager, in Bergedorf die des KZ Neuengamme. Dass sie unübersehbar für die Bevölkerung überall im heutigen Bezirk arbeiteten und lebten, ist heute eindeutig belegt. Ihre Schicksale sind in der gerade erschienenen Stadtgeschichte "850 Jahre Bergedorf" und "Bergedorf im Gleichschritt" (beide Kultur- & Geschichtskontor) sowie Alfred Dreckmanns "Zwangsarbeit in Bergedorf" aufgearbeitet.

Zwangsarbeiter wurden in fast allen Bergedorfer Unternehmen eingesetzt, wie Dreckmanns Liste der Firmen zeigt, die bis 2001 einen Beitrag zur Entschädigung an die "Stiftungsinitiative der Deutschen Wirtschaft Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" einzahlten. Einige Beispiele:

* Holzhandlung Behr: 15 bis 20 KZ-Häftlinge

* Betonwerk Emil Bentin: 40 sowjetische Kriegsgefangene

* Richard Buhck: holländische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene

* Kerzenfabrik Giess: 20 ukrainische Zwangsarbeiterinnen

* Eisenhandlung Gebr. Glunz: zahlreiche KZ-Häftlinge

* Glasfabrik Hein & Dietrichs: 60 sowjetische, 15 französische, 2 belgische Kriegsgefangene

* Motorenfabrik Carl Jastram: 250 bis 300 KZ-Häftlinge

* Kartonagenfabrik Max Armbruster: etwa 100 ukrainische und russische Zwangsarbeiterinnen

* Amtsverwaltung Vier- und Marschlande: 30 sowjetische Kriegsgefangene

Die Zahlungen des Fonds sind bei den ehemaligen Zwangsarbeiterinnen angekommen. "Das waren zwar nur wenige Tausend Mark, aber unsere beiden damaligen Gäste haben es als späte Entschuldigung für ihr Leiden in Bergedorf angenommen", sagt Alfred Dreckmann, der mit den beiden jetzt über 80-jährigen Seniorinnen bis heute in Briefkontakt steht. Schon nach ihrem Besuch vor fast zwölf Jahren hatte Walentina Shoglo ihm anvertraut: "Die Menschen in Bergedorf haben keine grausamen Gesichter mehr." Da wusste sie aber schon, dass sie die Lagerleiterin Frau Huhn überlebt hatte.

Sonnabend, 14 Uhr, Stadtteilschule Bergedorf, Ladenbeker Weg 13: Auftakt der "Woche des Gedenkens" (bis 29. April)