Großkontrolle

"Einstieg vorn" wirkt: Kaum noch Schwarzfahrer in Bussen

Nettelnburg/Neuallermöhe. Schnellen Schrittes, mit gesenktem Kopf geht die junge, blonde Frau zielstrebig auf den Aufgang zum Bahnsteig zu.

Dann entdeckt sie die Männer in den rot-blauen Uniformen, biegt abrupt ab, Richtung Fahrkartenautomat, kramt nervös in ihrer Handtasche und füttert den Geldschlitz. Die Kontrolleure am Bahnhof Neuallermöhe grinsen: "Eine gute Entscheidung, das war ja gerade noch rechtzeitig."

50 Mitarbeiter vom HVV, den VHH und der Hochbahn haben gestern in einem Schwerpunkteinsatz an den Bahnhöfen Neuallermöhe und Nettelnburg rund 2340 Fahrgäste kontrolliert. Im Berufsverkehr am Morgen fuhren die Kontrolleure in den Bussen der Linien 234 und 334 mit, am Nachmittag kontrollierten sie die S-Bahn-Strecke an den Auf- und Abgängen des Bahnhofs Neuallermöhe.

Dass potenzielle Schwarzfahrer angesichts des Großaufgebots noch spontan einen Fahrausweis lösen, erleben die Kontrolleure ständig "Uns geht es bei so einer Schwerpunktkontrolle ja nicht darum, möglichst viele schwarze Schafe zu erwischen", erklärt Ulrich Freiberg vom Hamburger Verkehrsverbund (HVV), der die Kontrolle vor Ort leitet: "Vielmehr wollen wir ein Zeichen setzen. Es geht auch darum, dem ehrlichen Fahrgast zu zeigen: Es ist gut, dass du bezahlt hast."

In den Bussen sei das Schwarzfahren seit Einführung des Kontrollkonzeptes "Einstieg vorn" ohnehin deutlich zurückgegangen. Allein in Bergedorf und Harburg, wo das Vorzeigen des Fahrausweises beim Fahrer schon seit März 2011 Pflicht ist, konnte der HVV ein Umsatzplus von 3 Millionen Euro verbuchen. 2700 neue Kunden abbonierten Jahreskarten. "Das Konzept ist viel erfolgreicher als zunächst von uns erwartet", freut sich Freiberg. Auch gestern haben die Kontrolleure bei 36 Busfahrten unter den 1421 Fahrgästen lediglich zwölf ohne oder mit falschem Fahrschein entlarvt. Das sei eine sensationell gute Beanstandungsquote von 0,8 Prozent, erklärt der HVV-Mann: "Nur müssen wir künftig die Fahrkarten auf stärkerem Karton drucken und in stabilere Plastikhüllen packen, weil sie durch das ständige Vorzeigen schnell zerfleddern."

Eher besorgniserregend war allerdings das Kontrollergebnis bei den Fahrgästen der S-Bahn-Linie S21. Von 919 Kontrollierten hatten 59 keinen gültigen Fahrschein. "Das sind 6,4 Prozent Beanstandungen, deutlich mehr als bei vergleichbaren Kontrollen", resümiert Freiberg. Viele von ihnen hatten günstigere Fahrkarten für den Nahbereich gelöst oder nutzten die zeitlich beschränkte CC-Karte auch im Feierabendverkehr. "Bei dieser Häufung ist davon auszugehen, dass viele der Ertappten das Risiko bewusst eingehen." Entsprechend wütend und uneinsichtig reagierten auch einige Fahrgäste an den Kontrollstellen. Obwohl an den Treppenaufgängen Mitarbeiter in Zivil postiert waren, die ein Umkehren in die Bahn verhindern sollten, gelang einem Schwarzfahrer die Flucht über die Gleise. Er wurde von der Polizei festgenommen. Auch zwei weitere renitente Schwarzfahrer mussten zur Anzeigenaufnahme mit auf die Polizeiwache.

"Vielleicht sollten wir auch bei den S- und U-Bahnen nur noch vorne beim Fahrer einsteigen lassen", lacht Ulrich Freiberg im Scherz. Von elektronischen Zugangskontrollen an den Bahnhöfen, wie etwa in der Pariser Metro, hält der Experte wenig: "Dafür wären sehr teuere Umbaumaßnahmen erforderlich". Zudem gäbe es Fahrgaststaus vor den Schranken, und die Erfahrung aus anderen Städten habe gezeigt, dass es auch bei elektronischen Fahrkartenschranken durchaus einen Prozentsatz an Schwarzfahrern gäbe. "Außerdem sind unsere Kontrolleure, anders als Automaten, auch gleichzeitig Servicepersonal und stets für Fragen und Auskünfte ansprechbar." Dass man vor den Männern und Frauen in Uniform keine Angst haben muss, konnten gestern schon die Kleinsten lernen. An kostenlos beförderte Kinder unter fünf Jahren verteilten die Mitarbeiter Spiel-Fahrscheine mit Teddybären-Aufdruck: "Damit du da vorne bei der Kontrolle auch was vorzeigen kannst."