Ehnert-Kabarett

Eheleute als Opfer ihrer Wahrnehmung

Bergedorf. Männer können nicht einparken und Frauen nie zuhören. Oder umgekehrt? Michael und Jennifer Maria Ehnert schufen Sonntagabend im Haus im Park endgültig Klarheit über die "Liebe in Zeiten der Ratgeber".

Der Kabarettist und die Schauspielerin spielen mit "Küss langsam" eine urkomische Strophe im ewigen Lied der Ehe. Dabei verzichten sie nicht auf die Klischees von ausgespülten Joghurtbechern, über Nasenhaare bis zur richtigen Penisgröße. Das Niveau von Mario Barth übersteigen sie aber gekonnt durch schauspielerische Leistung und eine ebenso geniale wie abgedrehte Geschichte.

Zunächst scheint es so, als würden die Eheleute einfach sich selbst spielen, während sie am Amtsgericht die Scheidung einreichen. Doch dann gibt es noch ein weiteres Paar, nämlich das des "toughen Bullen und der smarten Journalistin", welches die beiden für eine Vorabendserie einstudieren mussten. Das Rollenbild entwickelt sich zur Wunschvorstellung ihrer Beziehung. Immer wieder unterbrechen rasante Action-Szenen aus dem damaligen Drehbuch - wie eine Erinnerung - die eigentliche Diskussion kurz vor dem Einreichen der Scheidungspapiere. Und die Figuren vermischen sich: Plötzlich scheinen nicht mal mehr die Schauspieler sicher zu sein, welches Paar sie eigentlich sind: "In echt oder im Film?". In der Ehe oder der Realität?

Wo die Ehnerts händeringend nach Antworten suchen, vergnügt sich das Publikum an den irrwitzigen Diskussionen, einer inszenierten Verfolgungsjagd und wohl dosierten Fakten, die das aktuelle Rollenbild von Mann und Frau belegen. Das Duo spielt so souverän und pointiert, dass zwischen spontanem Applaus und frenetischem Gelächter Michael Ehnert ernst fragen muss: "Sollen wir einen Arzt rufen?" Vor allem die Action-Szenen, die quasi requisitenfrei, aber dafür mit gekonnter Stimmakrobatik geradezu perfekt gespielt werden, begeistern die Zuschauer.

Die vollen Reihen verzeihen der Kabarett-Kombination deshalb auch die Seitenhiebe aufs allgemeine Eheleben. Der Saal stellt nämlich in der Welt der Ehnerts das Wartezimmer dar, in dem alle "Frustrierten und Gescheiterten" auf die Aufhebung der Eheschließung warten.

Schlussendlich sind Mann und Frau Opfer ihrer Wahrnehmung, das neue Atommüll-Endlager kommt unter die Elbphilharmonie und der Bund fürs Leben ist gerettet. Eine Achterbahnfahrt durchs Beziehungsleben geht unter ausdauerndem Beifall zu Ende. Vielen Dank den Ehnerts, dass sie ihr Eheleben mit uns geteilt haben!