Gerichtsurteil

30 Monate Haft für Serieneinbrecher

Bergedorf. Anatoli M. ist voll geständig. Mehr als zwei Jahre lang hat Bergedorfs meistgesuchter Einbrecher unter den Bewohnern des Campingplatzes am Hohendeicher See mit seinen regelmäßigen Einbrüchen Angst verbreitet.

Gestern wurde der 43-Jährige vom Bergedorfer Amtsgericht zu 30 Monaten Haft verurteilt.

Insgesamt 32 Einbrüche in Wohnwagen und Campinghütten verlas der Staatsanwalt. Dabei ließ der in Tschetschenien geborene und aufgewachsene Russe so ziemlich alles mitgehen, was nicht niet- und nagelfest war: Fernseher, Flachbildschirme, Antennen, Bohrmaschinen, eine Tischkreissäge, Induktionskochfelder, Mobiltelefone, sogar Feuerzeuge, Türklinken, einen Jogginganzug und eine Dartscheibe. Und immer wieder Lebensmittel. Monatelang fahndete die Kripo nach dem Täter, hob im März 2011 nahe dem Campingplatz ein Beutelager aus, stellt den wild campierenden Anatoli M. schließlich im November in den Boberger Dünen - und fand dort stapelweise weiteres Diebesgut (wir berichteten).

Seinen Anwalt ließ der Angeklagte, der selbst kein Wort deutsch spricht, eine Erklärung verlesen. Danach befand sich Anatoli M. im Zeitraum seiner Einbrüche in einer verzweifelten Lebenslage. Als russisches Kind im Alter von zwei bis 17 Jahren in tschetschenischen Kinderheimen aufgewachsen, schaffte er die Ausbildung zum Ingenieur an einer Technischen Hochschule, wo er gleichzeitig einen militärischen Dienstgrad erhielt. Die Erlebnisse aus zwei Tschetschenien-Kriegen traumatisierten den Mann, der 1999 nach Norddeutschland kam und zunächst einen Heimplatz in der Ochsenzoller Psychiatrie bekam. Sein Anrecht auf Unterstützung durch Sozialbehörden verlor er dann, als bei ihm ein nicht gemeldeter Geldbetrag gefunden wurde und er zudem mit einer Luftpistole auf eine Bierdose geschossen hatte. Seitdem hielt sich M. mit Gelegenheitsjobs über Wasser, war seit fünf Jahren obdachlos. Die Einbrüche, so die Erklärung, verübte er aus Hunger allein wegen der Lebensmittel; die restliche Beute sollte die Polizei lediglich darüber hinwegtäuschen, dass es sich bei dem Serientäter um einen Obdachlosen handelte. Offenbar war dem Täter eine Weitergabe des Diebesgutes an Hehler nicht möglich, weil er keinerlei Kontakt zu anderen Menschen mehr hatte.

Dem Plädoyer des Rechtsanwalts auf eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren wollte Amtsrichter Günther Stello nicht folgen: "Es gibt eine fortdauernde Verantwortung jedes Einzelnen in allen Lebenssituationen." Anatoli M. habe mit seinen Einbrüchen nicht nur einen finanziellen Schaden in fünfstelliger Euro-Höhe, sondern reihenweise seelische Schäden bei den Betroffenen angerichtet. Carsten (43) und Martina Blödorn (48), die als geschädigte Camper den Prozess verfolgten, können das bestätigen: "Wir sind erleichtert, dass der Mann erst einmal hinter Schloss und Riegel bleibt."