Hamburger Familiensiegel

Familiensiegel für das Rathaus

Bergedorf. Überraschend streikt die Kita, leider ist die Tagesoma spontan verreist. Und um 8.40 Uhr steht der Zehnjährige schon wieder auf der Matte - mit Zahnschmerzen. Der Chef erwartet mich um 9.30 Uhr zur Konferenz, vorher muss ich dummerweise noch tanken. . . Alltag vom Feinsten.

Wer Kinder hat, weiß, dass solche Extremsituationen wahrlich nicht nur einmal im Jahr vorkommen. Da erlebt offenbar Glückseligkeit, wer einen Job im Bergedorfer Rathaus hat!

Ein kleines bisschen stolz ist an der Wentorfer Straße durchaus herauszuhören: "Unsere Verwaltung ist grundsätzlich gut, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf betrifft. Wir bieten Sicherheit und Flexibilität", sagt Ute Walther aus der Personalentwicklung des Rathauses. Eine Idee der SPD-Fraktion brachte sie dazu, das Bezirksamt für das Hamburger Familiensiegel zu bewerben - prompt mit Erfolg: Die "Allianz für Familien" (Senat, Handels- und Handwerkskammer) zeichnete erstmals ein Bezirksamt aus, weil Arbeitszeiten und -organisation gut auf ein Familienleben abzustimmen sind, in Notsituationen besondere Unterstützung angeboten wird.

Von den derzeit 552 Beschäftigten sind 318 weiblich, elf von ihnen genießen gerade die Elternzeit. 144 Frauen arbeiten Teilzeit, bloß 23 Männer nutzen diese Möglichkeit. "Die Teilzeit-Quote steigt, zugleich aber auch die Anforderungen an Öffnungszeiten für Publikum. Ich bin gespannt, wie sich das bei erhöhtem Sparzwang noch umsetzen lässt", sagt Personalratsvorsitzender Thomas Auth-Wittke, der sich über zufriedene Kollegen freut: "Da gibt es ein Bergedorfer Wir-Gefühl, die Fluktuation ist gering."

Vieles ist im Bergedorfer Rathaus denkbar: Da gibt es individuelle Arbeitszeitmodelle, eine Kindernotfall-Betreuung durch benachbarte Kitas, manch einer - kaum zehn Leute - richtet sich zu Hause mit Laptop einen Telearbeitsplatz ein, kann etwa Anträge fürs Sozialamt nachbearbeiten. Wer eine lange Fortbildung plant oder einfach nur die Traumreise antreten will, kann ein Sabbatjahr nehmen, darauf zwischen zwei und acht Jahre sparen.

Zwei Entwicklungen werden in jüngster Zeit deutlich: Zum einen nehmen sich mehr Menschen die Zeit, die eigenen Eltern zu pflegen - das Durchschnittsalter der Rathaus-Mitarbeiter liegt bei 46 Jahren. Und bei den Jüngeren zeigt sich, dass immer mehr Männer sich an der Kinderbetreuung beteiligen wollen - wenn das Thema dennoch weiterhin fest in Frauenhand liegt, gerade bei den 43 601 Alleinerziehenden in der Stadt. So zeigte etwa 2010 eine Analyse des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI), dass auf einen alleinerziehenden Vater in der Hansestadt rund neun Mütter kommen.

Bekanntlich kosten Kinder Geld: Während gut 85 Prozent aller Väter ihren Lebensunterhalt durch klassische Erwerbstätigkeit verdienen, leben 40,7 Prozent der Mütter überwiegend vom Unterhalt durch Angehörige oder von Hartz IV - dies trifft nur auf zehn Prozent der Väter zu.

Mit 65,8 Prozent dominieren bei allen Hamburger Müttern die Teilzeitbeschäftigungen. Als Grund für den Teilzeit-Job geben 56,5 Prozent der Mütter Betreuungsnotwendigkeiten an - nur 15,5 Prozent der Väter. Die nennen zumeist als Grund, keine Vollzeitstelle zu finden. Ökonomische, soziologische, demografische und politikwissenschaftliche Einflüsse auf den Kinderwunsch ist übrigens das große Thema einer aktuellen Studie, die das HWWI im Auftrag des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung betreibt, erste Ergebnisse werden im Mai 2013 erwartet.

Übrigens gibt es durchaus noch andere Bergedorfer Betriebe, die sich mit dem Hamburger Familiensiegel schmücken dürfen. Neben der Bartels Gebäudereinigung am Oberen Landweg gehört seit 2008 auch die Neuallermöher Behinderten-Hilfe "mittendrin!" dazu. Dort arbeiten von 42 Mitarbeitern 24 in Teilzeit. Sie freuen sich nicht nur über unbefristete Verträge, sondern auch über Diensthandys und ein auszugleichendes Arbeitszeitkonto. "Wir vermitteln auch Krippen- und Kitaplätze in Arbeitsplatznähe", sagt Geschäftsführerin Elisabeth Graf-Frank.

Arbeitszeiten, die sich nach Kita-Öffnungszeiten richten, bietet auch die Nitzbon AG, die an der Osterrade auf Ergo- und Rehatechnik spezialisiert ist. Zudem achtet der Familienbetrieb bei der Urlaubsplanung auf die Schulferien, lädt zu Betriebsfeiern alle Mitarbeiter "mit Kind und Kegel" ein.

Geht das auch in unserem Betrieb? Was können wir verbessern? Unternehmer, die sich über die Rechtslage, zudem Koten für familienfreundliche Arbeitsstrukturen interessieren, können sich bei der Hamburger Familienservice GmbH melden, die eine kostenlose Hotline eingerichtet hat. Unter der Nummer (040) 432 14 50 ist das Telefon montags bis mittwochs zwischen 9 und 16 Uhr, sowie donnerstags von 14 bis 18 Uhr besetzt.