Interview

Wo Iraner und Israelis im Geheimen diskutieren

Bergedorf/Berlin. Der Bergedorfer Gesprächkreis hat die vergangenen fünf Jahrzehnte manche Wandlung erlebt. André Herbst sprach mit Dr. Klaus Wehmeier, verantwortlicher Vorstand der Körber-Stiftung, über die aktuelle Bedeutung dieser Institution.

Dr. Wehmeier, als Kurt A. Körber 1961 den Bergedorfer Gesprächskreis aus der Taufe gehoben hat, wird er kaum daran gedacht haben, dass diese Institution 2011 50-jähriges Bestehen feiern würde. Morgen tritt in Kairo der 150. Gesprächskreis zusammen. Welche Bedeutung hat er heute?

Der Bergedorfer Gesprächskreis ist noch immer das Herzstück unserer diesbezüglichen Aktivitäten. Wir halten die von unserem Stifter gesetzten Prinzipien auch 20 Jahre nach seinem Tod hoch. Die lassen sich in wenige Sätze fassen. Es darf alles gesagt werden. Es wird miteinander und nicht übereinander gesprochen. Und es gelangt nur an die Öffentlichkeit, was gemeinsam abgestimmt wurde.

Das ist in Zeiten einer immer stärker auf Öffentlichkeitswirksamkeit ausgerichteten Politik sicher kein einfaches Unterfangen.

Ein offener Dialog miteinander ist nur möglich, wenn die vereinbarte Vertraulichkeit gewahrt bleibt. Dies hat sich über Jahrzehnte bewährt. Besonders, seit der Gesprächskreis sich auf internationale Themen fokussiert. Zunächst sollte es ja um die Entwicklung der Industriegesellschaft gehen. Aber bereits 1964 lautet das erste darüber hinausgehende Thema Wohin Deutschland in Europa? Wenn man darüber nachdenkt: Es könnte noch heute so formuliert werden.

1964 war der bekannte französische Politologe Prof. Alfred Grosser einer der Teilnehmer. Bis heute geben sich Wissenschaftler und Wirtschaftlenker, Publizisten und Politiker die Ehre. Wer spielt die Hauptrolle, politische Macher oder die Querdenker?

Der Bergedorfer Gesprächskreis ist ohne sie alle nicht vorstellbar. Die erste Auslandsreise eines Gesprächskreises führte 1970 nach Leningrad. Teilgenommen haben damals neben anderen Marion Gräfin Dönhoff, Theo Sommer und Günter Grass. Der Ost-West-Konflikt hatte Körber bewogen, den Dialog mit schwierigen Partnern auszurufen. In den 90er-Jahren kam es zu einer weiteren Neuorientierung, weil uns der schwierige Partner Sowjetunion verloren gegangen war. Seit Ende der 90er-Jahre setzen wir einen deutlichen Fokus auf den Nahen und Mittleren Osten sowie auf China.

Und wer bestimmt die Themen?

Die Organisation liegt allein bei uns. Die Themen werden etwa mit einem Jahr Vorlauf festgelegt und mit unserem Vorsitzenden Richard von Weizsäcker abgestimmt.

Kairo als Ort für diesen 150. Gesprächskreis ist also kein Zufall?

Die Tagung zur "Zukunft der Demokratie in der arabischen Welt" ist nahe dem Tahrir-Platz. Die Teilnehmer können hier fühlen, was der Umbruch für Ägypten und die gesamte Region bedeutet. Aber wir folgen nicht nur Entwicklungen, wir nehmen sie auch vorweg. Beispielsweise beim Thema Iran, dessen wachsende Bedeutung als regionale Großmacht am Persischen Golf wir bereits in den 1990er-Jahren erkannt haben.

Eine Einschätzung, die manchen Angst macht. Und anderen als politisch kaum opportun erscheinen wird.

Opportunität ist für uns keine bestimmende Größe. Als wir 2007 einen Bergedorfer Gesprächskreis in Syrien vorbereiteten, bat uns die Bundesregierung, das Vorhaben zu vertagen, weil man Herrn Assad isolieren wollte. Wir haben dem nicht entsprochen. Wir fühlen uns den Überzeugungen des Gründers verpflichtet. Kurt A. Körber hat sie einmal in vier Worte gefasst: Wer redet, schießt nicht.

Das gilt aber nicht für alle Krisenherde, gerade nicht im Nahen und Mittleren Osten.

Wir haben neben dem Bergedorfer Gesprächskreis einen Körber Dialog Middle East etabliert. Neben einem Amerikaner und einem Deutschen nehmen daran Iraner und Saudis teil, Syrer und Libanesen, Ägypter, Türken und seit wenigen Jahren auch Israelis.

Iraner und Israelis setzen sich dabei an einen Tisch?

Das kann nur funktionieren, weil die Teilnehmer in der Öffentlichkeit nicht bekannt sind. Am letzten Treffen haben zwei ägyptische Muslimbrüder teilgenommen. Es war spannend zu erleben, wie der iranische Kollege auf diese neuen Teilnehmer und ihre politischen Demokratie-Vorstellungen zu einem islamischen Staat reagierte.

Welche Bedeutung haben derartige Gespräche?

Wir können nie von Erfolgen reden. Wir können aber sehen, wie neue Erkenntnisse ihren Niederschlag finden. Neben dem dreimal jährlich tagenden Gesprächskreis brauchen wir auch Schnellboote. Dazu zählen auch die 25 bis 30 politischen Frühstücke in Berlin jedes Jahr. Da geht es unter anderem um Russland, Zentralasien und natürlich China. Die KP China hat mit uns das Gespräch gesucht, möchte sich den Bergedorfer Gesprächskreis zum Vorbild eigener Überlegungen nehmen.

Wer sind die Teilnehmer dieser Berliner Frühstücke?

Bei uns kommen Diplomaten und Politiker ins Gespräch, sammeln Abgeordnete ihre ersten Erfahrungen auf dem Feld der Außenpolitik. Ihr Problem ist, dass man mit Außenpolitik heute in kaum einem Wahlkampf punkten kann. Die wichtige Außenpolitik droht immer stärker aus dem Fokus zu geraten, wir kämpfen gegen diesen Trend. Viele Teilnehmer sind dankbar, dass sie bei uns Erfahrungen sammeln können.

Dr. Wehmeier, zum Schluss die Frage nach dem Erfolgsrezept. Wie konnte es der Körber-Stiftung über jetzt gut fünf Jahrzehnte gelingen, sich in diesem Bereich dauerhaft zu etablieren und so viele namhafte Köpfe zu gewinnen?

Dazu bedurfte es vor allem eines langen Atems. Und, nicht zu vergessen, der Bescheidenheit eines privaten Veranstalters. Heute hat der Bergedorfer Gesprächskreis weltweit einen guten Namen. Daher denkt auch niemand ernsthaft daran, ihn zu ändern. Obwohl wir schon lang nicht mehr in Bergedorf tagen, sondern überall auf der Welt.