Interview

"Die Bergedorfer Brille endlich absetzen"

Bergedorf (upb). Mit Erstaunen verfolgt Kulturmanagerin Petra Jäger (47) aus Düsseldorf die aktuellen Diskussionen in ihrer alten Heimat Bergedorf: die Herauslösung des Schlosses aus der Stiftung Historische Museen Hamburg ebenso wie Vorbereitung des Mahnmals für Zwangsarbeiter auf der Promenade am Schleusengraben.

Als ehemalige "Kulturlotsin" Bergedorfer Unternehmen und Kunst-Verantwortliche des Neuallermöher Vereins Kokus kennt sie sich aus mit dem Ansehen von Kultur und vor allem Kunst an der Bille. Im Sommer 2011 kehrte sie in ihre alte Heimat Düsseldorf zurück, arbeitet dort für die Rheinbahn AG am Projekt "artbahn", der künstlerischen Gestaltung ihrer mittlerweile sechsten Straßenbahn. Mit Petra Jäger sprach "bz"-Redakteur Ulf-Peter Busse.

Über die Gestaltung des geplanten Mahnmals durch den Künstler Jan de Weryha wird heftig diskutiert. Schadet das dem Projekt?

Jäger: Ganz im Gegenteil, eine solche Diskussion braucht die Kunst. Gerade einem Mahnmal kann gar nichts besseres passieren. Und nebenbei: auch dieser ungenutzten Promenade. Allerdings darf das nicht ins Persönliche abgleiten, vor allem im Kulturausschuss. Schließlich sollten dort Experten sitzen, die wissen, wie man mit renommierten Künstlern wie Jan de Weryha umgeht. Mal angenommen, der schmeißt jetzt hin: Das wäre doch eine Blamage erster Güte für Bergedorf.

Aber sein 2,40 Meter hoher Betonklotz hat sich sehr weit vom Entwurf der Abiturientin Ella Nora Sloman entfernt. Die hatte einen Menschen in einer überdimensionalen Schraubzwinge gezeichnet.

Moment! Nach meiner Kenntnis lautete die Ausschreibung nicht, hier Schüler-Kunst als Mahnmal aufzustellen. Vielmehr sollte ein professioneller Bildhauer den prämierten Vorschlag in ein Werk übersetzen. Genau das hat er getan, der Ausdruck des Zwangs ist geblieben. Was jetzt aber diskutiert wird, ist geleitet vom persönlichen ästhetischen Empfinden der Betrachter.

Sollten sich die Bürger denn mit ihren Äußerungen zurückhalten? Sind wir als Zeitung zu weit gegangen, diesen Diskussionsprozess anzustoßen?

Beide haben alles richtig gemacht. Das Diskussionsforum ist von der "bz" weitgehend neutral eröffnet worden. Und den Bürgern ist für die Emotionalität ihrer Beiträge zu danken. Was mir fehlt, ist eine klare Einordnung durch die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Die hätten sich auf ein solches Projekt besser vorbereiten, den Künstler im Atelier besuchen, sich mit der Geschichte der Mahnmale befassen sollen. Statt einfach einen Auftrag zu erteilen, muss man in der Kunst das, was man erreichen will, ins Herz schließen. Dann klappt es auch mit der Umsetzung. Und wenn man sich noch Rat von Fachleuten einholt, vielleicht sogar mit der Vermarktung.

Das Marketing gilt auch für Bergedorfs derzeit wichtigstes Kulturprojekt als Schlüssel seiner Zukunft: Im Ringen um die Loslösung des Museums im Schloss aus der Hamburger Museumsstiftung sieht das Konzept des Bezirksamtes die touristische Erschließung und das Einbeziehen der Bürger als Kernelemente für neue Besucherströme.

Ich hoffe, dass es nicht dabei bleibt. Vielleicht war es wichtig, dieses Papier ganz schnell im Bergedorfer Rathaus fertigzustellen. Jetzt aber sollten da Fachleute der Kulturarbeit draufgucken. Denn die Vorstellung, dass sich vor diesem Schloss jemals Besucherschlangen bilden, ist sehr weit hergeholt. Zudem ist es gefährlich, die hier arbeitenden Fachleute ausstellungswütigen Vereinen und Bürgern als Berater an die Seite zu stellen. Und dann die Aufsicht noch einem Beirat zu übertragen, der Gefahr läuft, von Politik und lokalen Interessengruppen dominiert zu werden.

Was ist zu tun?

Die Chance liegt im Vertrauen auf das Museumsteam. Das mag durch den amtierenden Leiter verspielt worden sein. Aber nur wenn diese Fachleute eigenverantwortlich handeln dürfen, macht die Herauslösung aus Hamburg wirklich Sinn. Ferner muss die Vernetzung zur Bergedorfer Kulturlandschaft kommen. Vielleicht betrieben durch das Museum, aber fokussiert auf die Sternwarte. Nur sie kann wirklich ein touristischer Anziehungspunkt werden. Es ist an der Zeit, die Bergedorfer Brille endlich abzusetzen.