Ex-Bürgerschaftsabgeordneter

Kelber: "Ich habe nie Regierung gelernt"

Lohbrügge. Es mutet an wie eine rüstige Rentnertruppe auf Kaffeefahrt. Doch ab und an fallen Sätze wie "der hat doch null politische Erfahrung" oder "das hätten sie mit uns damals nicht durchziehen können". Hellhörig geworden?

Wenn die 1992 gegründete "Vereinigung ehemaliger Mitglieder der Hamburgischen Bürgerschaft" unterwegs ist, prallt eine Menge Fachverstand aufeinander. "Als Opposition hatten alle ein Feindbild von mir, aber jetzt vertragen wir uns gut", sagt Fridtjof Kelber schmunzelnd. Der 73-jährige Lohbrügger ist der erste CDU-Präsident der Ex-Abgeordneten.

Mindestens zwei Legislaturperioden - in der Regel also acht Jahre - sollte man in der Bürgerschaft gesessen haben, um mitreden zu können. Die inzwischen 124 Mitglieder treffen sich alle zwei Monate, um angeregt über die aktuelle Politik zu debattieren, das Kohlekraftwerk in Moorwerder zu besuchen oder auch den Flughafen, der erweitert werden soll. Haben politisch Verantwortliche versagt oder wurden sie von Hochtief gelinkt? Auch Diskussionen über die Elbphilharmonie finden immer mehrere Perspektiven.

Vor allem SPD-Politiker sind dabei, "die Christdemokraten halten sich zurück, sind wohl nicht so gesellig", meint Kelber, der weder Linke noch GALier auf seiner Mitgliederliste findet, "aber von der FDP sind überproportional viele dabei".

Kelber selbst, der vor 53 Jahren in die CDU eintrat, ist einer der dienstältesten Mitglieder der Bergedorfer Christdemokraten. Von 1970 bis 1986 saß er in der Bezirksversammlung, zudem von 1970 bis 1993 in der Bürgerschaft. Dort war er als Vize-Fraktionsvorsitzender tätig, im Stadtentwicklungs- und im Bauausschuss. Besonders lag ihm als bildungspolitischer Sprecher (1978 bis 1988) auch der Schulausschuss, schließlich leitete der Lohbrügger 38 Jahre lang die katholische Haupt- und Realschule am Lämmersieth in Barmbek.

Bekannte Namen füllen die Mitgliederliste der Ex-Abgeordneten - auch aus dem "roten" Bergedorf: Rolf Niese ist ebenso dabei wie Elke Fank oder der ehemalige DGB-Funktionär Erich Rumpel, Ex-Finanzsenator Otto Hackmack, der nicht mehr laufen kann, oder Manfred Drotschmann vom Billwerder Billdeich. Auch Jonny Keßner, der schon 1966 die Bürgerschaft verließ, gehört dazu - mit inzwischen 98 Jahren. "Der humpelte immer mit seinem Holzbein über die Mai-Demonstrationen. Und als Verwaltungsbeamter im Bergedorfer Katasteramt konnte er sich herrlich darüber aufregen, dass Jörg Lindemann als Bezirksamtsleiter so viel Geld verdiente, schließlich war der davor bloß Ortsamtsleiter von Finkenwerder", erinnert sich Kelber.

Manche Ex-Abgeordnete bedauern zudem, dass die Politiker in der Bürgerschaft viel Geld verdienen: "Das sollte man doch als Ehrenamt ansehen und nebenbei einen ordentlichen Beruf haben. Ist doch klar, dass man als 30-jähriger Student nicht von der Politik leben kann", kritisiert der studierte Geschichts- und Deutschlehrer - und teilt damit einen Seitenhieb für Bergedorfs CDU-Chef Dennis Gladiator aus.

Dass Demokratie ein wichtiges Gut ist, darin sind sich alle Ex-Abgeordneten einig. Und so melden sie sich stets in den Wahlkampfzeiten, um in Hamburger Schulen die Grundzüge der Politik zu erläutern. Auch Erwachsene interessiert das: "Mecklenburg-Vorpommern etwa hat erst seit 20 Jahren parlamentarische Erfahrung, und die fragen uns, wie wir das gemacht haben", sagt der Präsident der ehemaligen Bürgerschaftler.

Er habe immer Opposition gemacht und "nie Regierung gelernt", sagt Fridtjof Kelber, der mit dem Hamburger Regierungswechsel im Frühjahr schwer zu schaffen hat: "Die Kontakte gehen verloren, ich bleibe immer häufiger in Vorzimmern hängen." Dafür freut er sich über zwölf Zugänge seit der jüngsten Wahl, auch aus dem schwarzen Lager: "Ekkehart, der Bruder von Dietrich Wersich, gehört jetzt zu uns. Auch Bernd Reinert, der als CDU-Staatsrat ausgemustert wurde, hat nach einer Beitrittserklärung gefragt."

Sicher, als Revoluzzer könne heute keiner mehr auftreten, aber "wenn Mist gebaut wird, schreiben wir schon einen deutlichen Brief ans Rathaus". Im dortigen Bürgersaal reffen am 15. September die beiden Fraktionsvorsitzenden Andreas Dressel (SPD) und Dietrich Wersich (CDU) zeitgleich auf die Ex-Parlamentarier: "Das ist eine Premiere, ich hoffe, dass wir sie kräftig löchern können", sagt Kelber.

Und so lässt sich doch noch immer ein bisschen mitreden. Als Ex-Bürgerschaftsmitglied ist zum Beispiel auch Michael Sachs in der Vereinigung, der aktuell als Staatsrat der Stadtentwicklung auftritt. "Den muss ich doch jetzt mal fragen, ob die 6000 neuen Wohnungen richtig verteilt sind, wir Bergedorfer nicht zu viel aufgebrummt kriegen."

Dass der 73-Jährige nach 17 Jahren wieder ein bisschen in der Politik mitmischen will, zeigt sich allein darin, dass er die Nachfolge von Lenhard Correll antrat, nun Landes- und Kreisausschussdelegierter ist: "Ich wollte beim Neuanfang nach Ole von Beust dabei sein und sehen, wer welchen Posten kriegt. Außerdem kann ich meckern, wenn so etwa Blödes wie ein Wochenmarkt an der Lohbrügger Bahnhofsseite geplant wird."

Und was macht der dreifache Vater und sechsfache Opa, wenn mal alles rund läuft? "Ich bin noch bei der kleinen Studentenorganisation Unitas aktiv. Und werktags helfe ich als Küster in der katholischen Gemeinde Riehlstraße aus." Zudem plant Kelber die Jahresausflüge der Ex-Abgeordneten, zuletzt ging es jeweils eine Woche nach Wien oder gemütlich an der Comer See - das sieht dann doch wieder so aus wie eine rüstige Rentnertruppe auf Kaffeefahrt.

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