Klaus Gärtner

"Krümmel und Fukushima sind sich sehr ähnlich"

Bergedorf. Als Klaus Gärtner Atomkraftgegner wurde, haben ihn die meisten Menschen belächelt. Das war 1979. Damals war Kritik an der "Energie der Zukunft" nicht gefragt. Im Gegenteil: Sie galt als saubere Alternative zu den stinkenden Schloten der Kohlekraftwerke.

"Atomkraft wurde als ganz tolle Sache dargestellt", erinnert sich der Bergedorfer. Auch er selbst war von der neuen Technik fasziniert, studierte an der Universität Hamburg Physik.

Doch ausgerechnet die Kernphysik-Vorlesungen machten ihn zum Atomkraftgegner: "Wieso erzeugt man eine Gefahr, die wir nie mehr loswerden?", war die Frage, die den Studenten Gärtner nicht mehr losließ. Radioaktive Spaltprodukte sind unbehandelbar, lernte der angehende Physiker.

"Allein im AKW Krümmel werden jährlich 200 Kilogramm Plutonium produziert. Das entspricht Hunderten von Tennisbällen", rechnete Klaus Gärtner vor. "Theoretisch würde bereits eine Menge in Größe eines Tennisballs ausreichen, um die gesamte Weltbevölkerung auszulöschen, sollte sie freigesetzt werden."

Die Halbwertszeit von Plutonium liege bei unvorstellbaren 245 000 Jahren - dann sei es aber erst zur Hälfte verschwunden. Eine unvorstellbare Gefahr, sollte es zu Problemen in Atomkraftwerken kommen. Der 65-Jährige ist sicher: "Das Erzeugen von Atomkraft ist keine Sachfrage, sondern eine Frage der Verantwortung und Moral. Wir müssen auch an die Zukunft unserer Kinder und Enkel denken", sagt der dreifache Vater und fünffacheGroßvater. Er rät dazu, den Stromanbieter zu wechseln und Demonstrationen zu unterstützen: "Damit kann jeder Einzelne etwas bewegen. Für Sonnabend sind bundesweit Proteste geplant. Auch in Hamburg."

Natürlich ist der junge Atomkraftgegner seinerzeit politisch aktiv geworden: 1980 als Mitbegründer der Bergedorfer Grünen, zwei Jahre war er bei Start der Grünen Alternativen Liste Hamburg (GAL).

Sein persönlich größter Triumph steht noch aus: "Ich würde groß feiern, wenn das AKW Krümmel nicht wieder anläuft", sagt Gärtner, der das heute "durchaus für möglich hält". Als Alternative sieht er den Umstieg auf erneuerbare Energien, insbesondere Solarenergie. Deutschland könne hierbei eine Vorreiterrolle übernehmen.

Als am 11. März der Tsunami das Drama von Fukushima auslöste, war Gärtner auf Sizilien - und wurde als grüner Atomkraft-Experte trotzdem zum gefragten Interview-Partner der Medien. Mit seinen zielsicheren Prognosen sorgte er für Erstaunen. "Dass es zur Wasserstoffexplosion kommen wird, habe ich bereits Tage vor dem Eintreffen beschrieben. Ich kenne nun mal die Anlagen", sagt sich Gärtner und fügt hinzu: "Die Anlagen von Fukushima und Krümmel sind sehr ähnlich. Beides sind Siedewasserreaktoren."

Von 1979 an hat er als Experte schon mehr als 200 seiner kritischen Vorträge über Atomkraftwerke gehalten. Dabei enthält er sich grundsätzlich jeglicher Wertung: "Jeder soll sich ein eigenes Bild machen", lautet Klaus Gärtners Philosophie. Morgen ist er von 19 Uhr an in der Kulturkneipe BeLaMi an der Holtenklinker Straße 26 zu hören. Seit Thema: "Fukushima und Krümmel". Der Eintritt ist frei.

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