Serie: Egon Klebe – Geschichte in Bildern

Ein Kaiser besucht Bergedorf

Der Heimatfotograf Egon Klebe (1920-1982) dokumentierte wie kein anderer die Geschichte Bergedorfs in den 50er- bis 80er-Jahren. Erstmals ist Klebe derzeit eine große Ausstellung im Bergedorfer Schloss gewidmet. Wir erzählen die Geschichte hinter einigen seiner Bilder.

War das eine Sensation in Bergedorf: Ein richtiger Kaiser sollte unser Städtchen besuchen. Ziel von Kaiser Haile Selassie war am 13. November 1954 das im Vorjahr eröffnete Bethesda-Krankenhaus. An den Straßenecken der Route standen Polizisten in weißen Uniformen. Deutsche und äthiopische, Bergedorfer und Hamburger Flaggen waren gehisst. Viele Neugierige standen damals schon lange vor der Zeit, als die Wagenkolonne mit "Weißen Mäusen" voran durch unsere Straße kommen sollte, am Straßenrand. Man konnte ja nicht wissen, ob der Kaiser nicht etwas früher vorbeikam.

Gerüchte machten zuvor schon die Runde, wie die "bz" damals berichtete. So stand für viele fest, dass Kaiser Haile Selassie die Umgehungsstraße, die später in Bergedorfer Straße benannt wurde, einweihen sollte. Andere wussten aus sicherer Quelle, dass er den Reinbeker Redder benutzen würde. Aus Curslack kam ein Anruf, ob Äthiopiens Kaiser wirklich auch das Rieck-Haus besuchen würde. Nicht nur der Bergedorfer Polizei verursachte der Besuch unruhige Stunden. Auch im Rathaus fühlte man sich verantwortlich, dem Staatsgast seinen Abstecher nach Bergedorf möglichst angenehm zu bereiten.

Schließlich tauchte die Wagenkolonne auf, der Kaiser war gut zu sehen, hatte er doch angeordnet, dass der Mercedes langsam fahren sollte. Der Ehrenname "Löwe von Juda" wollte so gar nicht zu dem gütigen Gesicht passen, auch nicht zu dem klein wirkenden dunkelhäutigen Mann. Wegen des Nieselregens musste das Verdeck des Autos geschlossen bleiben.

Das Bethesda-Krankenhaus galt damals als der modernste Krankenhaus-Bau, den der Bergedorfer Architekt Hans-Helmut Sieglitz aus dem Duwockskamp errichtet hatte. Der Kaiser gab sich nicht mit einem Gang durch das Hamburger Tropenkrankenhaus zufrieden, hatte sich eigens den Besuch des Bethesda-Krankenhauses auserbeten. Die "schattenlose Operationslampe" imponierte dem afrikanischen Herrscher bei seinem Rundgang. Der hatte mit einer Überraschung begonnen: Luisenschülerin Karin Eckstein, Nichte des Direktors des Gesundheitswesens in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba, überreichte einen Blumenstrauß. Die Schwestern standen in Reih und Glied in ihren frischen Uniformen, während der Rundgang mit Architekt Sieglitz, Chefarzt Dr. Ude und Oberin Lohse begann.

"Ich wäre am liebsten vier Stunden statt vierzig Minuten geblieben, sagte der "Negus negesti" beim Abschied. Bethesda hatte Eindruck bei ihm hinterlassen. Die Hoffnung von Architekt Sieglitz auf einen Ruf nach Addis Abeba, um dort ein Krankenhaus zu bauen, wurde später erfüllt.

Der Besuch des Kaisers aus Äthiopien blieb im Gedächtnis der Bergedorfer haften. So gab es mehrere Vorschläge, die neue Umgehungsstraße 1958 in "Haile-Selassie-Straße" zu benennen. Die Verantwortlichen entschieden sich jedoch für den prosaischen Namen "Bergedorfer Straße". So heißt die Straße heute noch zwischen Mohnhof und Eiffestraße in Hamm.

Die Ausstellung ist bis zum 14. November täglich, außer montags und freitags, von 11 bis 17 Uhr geöffnet. In diesem ersten Teil werden vorwiegend Bilder aus dem Stadtgebiet des Bezirks gezeigt. Für einen zweiten Teil, voraussichtlich ab Dezember, sind Bilder aus dem Landgebiet des Bezirks vorgesehen.

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