"Sterbeamme"

Wege durch die öde Wüste der Trauer

Bergedorf. Trauer und Tod sind für sie allgegenwärtig: Claudia Cardinal (54) arbeitet als "Sterbeamme" mit Trauernden und Sterbenden. Redakteurin Christina Rückert sprach mit der Bergedorferin, die bereits etliche Bücher zum Thema schrieb.

bz:

Frau Cardinal, nicht jeder hat Trauer schon erlebt. Lässt sich Unbeteiligten das Gefühl eigentlich beschreiben?

Claudia Cardinal:

Ich versuche es oft so zu erklären, dass es eine öde Wüste ist, die der Angehörige auf einem langen Weg durchqueren muss. Vor der Zukunft ist ein dickes Tor.

Gibt es Phasen, die jeder Trauernde durchmacht?

Ich spreche nicht gern von Phasen, weil das den Eindruck erweckt, als könnte der Trauernde nacheinander alles "abarbeiten". In Wahrheit geht alles durcheinander. Es gibt aber bestimmte Phänomene, die viele Trauernde erleben. Das ist zum einen die Fassungslosigkeit. Dann das Hadern mit vermeintlichen Versäumnissen. Vielen gehen auch wiederkehrende Schreckensbilder oder Erinnerungen durch den Kopf, zum Beispiel der ehemals starke Ehemann als Häufchen Elend im Rollstuhl. Oft plagt Angehörige auch die Angst vor der eigenen Sterblichkeit. Und viele ziehen sich nach etwa sechs Monaten, wenn die Umwelt ihren Alltag wieder aufnimmt, in eine Isolation zurück.

Wie sollen sich Freunde und Verwandte gegenüber einem Menschen verhalten, der einen Verlust erlitten hat?

Ich empfehle Offenheit. Ehrlich sagen, dass man nicht weiß, wie man mit der Situation umgehen soll. Immer Hilfe anbieten. Und das nicht nur ein paar Wochen nach dem Todesfall, sondern auch noch Jahre danach.

Haben es religiöse Menschen mit der Trauer leichter?

Nicht immer, viele wenden sich dann gerade von Gott ab. Doch der Glaube daran, dass es nach dem Tod irgendwie weitergeht, kann helfen.

Heilt denn nun die Zeit alle Wunden?

Ich kehre das gern um. Nur wenige Menschen glauben, dass nach dem Tod gar nichts geschieht. Also sage ich ihnen: Die Zeit ist kein Monster, Du gehst im Gegenteil immer näher auf das Wiedersehen zu. Aber die Zeit des Wartens solltest Du nutzen um zu leben.

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