Geschichte

Auf den Spuren der Serienmörder

Zwischen "Jack the Ripper" und dem "Heidemörder" liegen lange Diskussionen um Politik, Polizei und Psychiatrie.

Der Rotationsdruck wurde ungefähr zur gleichen Zeit erfunden, als "Jack the Ripper" in London sein Unwesen trieb. "Das war natürlich ein gefundenes Fressen für die Presse, die sich auf den Serienmörder stürzte." Kathrin Kompisch recherchierte in Staatsarchiven und wälzte Akten von Richtern und Staatsanwälten. Besonders Augenmerk legt die Bergedorfer Historikerin auf die Reaktion der Gesellschaft und die Rolle der Massenmedien. Das Motiv der 36-Jährigen, die gern Krimis liest, ist unzweifelhaft: "Das ist eben spannender als der preußische Verfassungskonflikt."

Mordsmäßig spannend etwa ist für sie die Analyse der Berichterstattung über den Serienmörder Fritz Honka, der in den 70-er Jahren als "Blaubart von Altona" bekannt wurde, weil er Prostituierte getötet hatte: Kritik an der Polizei und am Strafrechtsverfahren, eine neuerliche Diskussion über die Todesstrafe und die Beschreibung verschiedener Milieus interessieren Kompisch: "Vor dem Prozess wurde Honka von der Springer-Presse als Monster mit tierischen Pranken stilisiert. Als dann ein kleines Männchen im Gerichtssaal saß, war nur noch von 'abgetakelten St.-Pauli-Nutten' die Rede."

Ihre Doktorarbeit schrieb Kathrin Kompisch, Mutter zweier kleiner Söhne, über "Medienbilder von Serienmördern 1918-45". Und das Thema Mord lässt sie nicht los, inzwischen sind fünf Bücher erschienen, etwa "Furchtbar feminin. Berüchtigte Mörderinnen des 20. Jahrhunderts". Darin schildert sie den Fall von Elisabeth Wiese, der 1903 vorgeworfen wurde, auf St. Pauli fünf Pflegekinder ermordet, ihren eigenen Enkel in einem Wasserbottich ertränkt zu haben. Sie wurde 1905 geköpft. "Da ging es auch um verlogene Moralvorstellungen, die Mütter unehelicher Kinder wurden als 'gefallene Mädchen' stigmatisiert - zu mehr Einsicht war die Mehrheit der Gesellschaft der wilhelminischen Zeit noch nicht in der Lage", urteilt Kompisch.

Als Beispiele für die Nachkriegszeit gelten die Hamburger Mörderinnen Ruth Blaue und Eva Maria Mariotti. Blaue soll mit ihrem zehn Jahre jüngeren Geliebten ihren Ehemann mit der Axt erschlagen haben, als der plötzlich aus der Kriegsgefangenschaft wieder auftauchte. "Nicht umsonst stiegen die Scheidungszahlen nach dem Krieg zunächst stark an", schreibt Kompisch und ergänzt: "Seit bei der Scheidung nicht mehr das Schuldprinzip, sondern eine Zerrüttung akzeptiert ist, sind die 'Gattenmorde' mit Rattengift im Essen seltener geworden."

Nicht minder spektakulär seien Anfang der 60-er Jahre die drei Verfahren gegen die "schöne und geheimnisvolle" Mariotti gewesen sein, der vorgeworfen wurde, in Eppendorf eine 62-Jährige ermordet zu haben. Von Interpol gesucht, eröffnete sie zunächst ein Modegeschäft in Bolivien, dann einen Antiquitätenladen in Brasilien. Letztlich gefasst und 1965 aus Mangel an Beweisen freigesprochen, eröffnete sie einen Keramikladen auf Gran Canaria und starb 1979 "einsam und völlig verarmt", schildert Kompisch.

Immer wieder weist die Bergedorfer Historiker, die nebenbei als Buchhändlerin arbeitet, auf Veränderungen der Wahrnehmungen in der Gesellschaft hin: Ein homosexueller Kindermörder etwa wurde in den 50-er Jahren noch blutrünstiger dargestellt als es heute der Fall wäre. Auch der Serienmörder Jürgen Bartsch, der vier kleine Jungen getötet haben soll, beschreibt einen Wandel: "Bei seinem ersten Prozess 1967 wurde er als verrückter Jugendlicher dargestellt. Zwei Jahre später, bei seinem zweiten Prozess, war dann von seiner schweren Kindheit die Rede", fand die Historikerin und ergänzt: "Erst in der 80-ern kam ein Swing wieder in die andere Richtung. Da fragte man sich, wie viele Kinder in einem Heim aufwachsen und trotzdem keine Serienmörder werden."

Weil sich die Leser "schön gruseln", beschäftigen Mörder die Medien: "Inzwischen schreibt jeder gute Serienmörder auch Briefe an große Zeitungen", meint Kompisch. Zugleich stehe aber auch die Betrachtung der Opfer inzwischen oft im Mittelpunkt: Heute wird sogar noch fünf Jahre später gefragt, wie es den Familienangehörigen geht und wie sie Weihnachten feiern. "Mit den Opfern kann man Mitleid haben, während sich natürlich niemand mit den Tätern identifizieren will", sagt die 36-Jährige.

Es hätte unsere eigene Tochter sein können: Nette, junge Frauen hatte sich etwa Thomas Holst als Opfer ausgesucht. Zwischen 1987 und 1990 hat er drei Frauen vergewaltigt und zerstückelt. "Das war der plötzliche Einbruch des Bösen in unsere normale Welt", sagt die Historikerin, die die Berichterstattung über den "Heidemörder" verfolgte, der jetzt in Ochsenzoll einsitzt.

Ein weiteres Beispiel aus jüngster Zeit ist der Fall Monika Weimar, den wohl noch viele Menschen in Erinnerung haben. Sie soll 1986 ihre Tochter Melanie (7) erstickt, Tochter Karola (5) erwürgt haben. Die damals 28-Jährige habe frei sein wollen für ihren amerikanischen Liebhaber, den Soldaten Kevin Pratt. Hier traten die Medien massiv vorverurteilend in den Vordergrund, meint Kompisch: "Es hieß, wer sich mit einem Neger einlässt, bringe auch seine Kinder um. Ein solcher Rassismus war in den 80er-Jahren unglaublich." Hinzu war die Einmischung der Presse immens, denn dem Magazin "Stern" hatte Monika Weimar angeblich einen Exklusivvertrag gekündigt. Und der "Spiegel" finanzierte damals den Anwalt des Vaters der Töchter, der als Nebenkläger auftrat.

Die Faszination an Serienmördern wird Kathrin Kompisch einfach nicht los. Als nächstes interessiert sich für Frauen als Terroristinnen und für Frauen hinter Gittern. Ob sie jemals schon selbst mit einem Mörder gesprochen hat? Nein, ihr morbides Interesse sei gering. Und: "Als Historikerin beschäftige ich mich auch lieber mit Leuten, die schon tot sind."