Projekt

Übungsküche für Rollifahrer

Boberg (cr). Dieser 4. Juni 2008 hat sein Leben verändert. An jenem Tag wurde Motorradfahrer Sven Niebuhr (40) von einem Autofahrer von der Straße abgedrängt - Niebuhr stürzte schwer und verletzte sich lebensgefährlich.

Der Autofahrer flüchtete. Drei Tage schwebte Niebuhr zwischen Leben und Tod. Er überlebte - doch zurück blieb eine Querschnittlähmung. Dass Sven Niebuhr kommende Woche nach nur sechs Monaten das Querschnittgelähmtenzentrum des Unfallkrankenhauses Boberg verlassen und ein weitgehend eigenständiges Leben im Rollstuhl beginnen kann, grenzt an ein Wunder. Eines, auf das die Ergotherapeuten im Zentrum für Rehabilitationsmedizin Tag für Tag hingearbeitet haben.

Wie klappt es mit dem selbstständigen Aufstehen, dem Zubettgehen? Reichen die motorischen Fähigkeiten zum Kaffeekochen und Brote schmieren? Wo sind Hilfestellungen und Umbauten in der Wohnung nötig? All das wird während der Reha mit den Patienten geklärt. Und das jetzt mit den neuesten technischen Möglichkeiten: Das Unfallkrankenhaus bekam von "Küchen-Quelle" eine barrierefreie Küche im Wert von 23 000 Euro geschenkt. Ein Wunder an Technik, in dem Schränke hoch- und hinuntergefahren werden können, Herd und Mikrowelle in Griffhöhe der Rollstuhlfahrer angebracht sind und Wasserhähne nicht hinten an der Spüle, sondern vorn installiert sind.

Dass sich die wenigsten Rollstuhlfahrer später so eine Luxusküche werden leisten können, weiß auch Dr. Jean-Jacques Glaesener, Chefarzt des Zentrums für Rehabilitationsmedizin. Doch der Vorteil ist ein anderer: "Hier können wir individuell austesten, welche Griffhöhe ein Patient hat, was er kann oder wo er Hilfe braucht", sagt er. In vielen Fällen werde durch Versicherungen oder auch die Krankenkassen zumindest ein Umbau der Küche bezahlt. Dank der Vorarbeit in der Reha kann der Rollstuhlfahrer seinen Bedarf nun vor seiner Heimkehr ausloten.

Nicht alles aber muss den Rollifahrern angepasst werden. Und so steht auf der anderen Seite des Übungsraumes eine "normale" Küche - auch sie von Quelle, aber finanziert vom Krankenhaus für vergleichsweise geringe 12 000 Euro. Ergotherapeutin Sabine Kerlin freut sich: "Die alte Küche war 20 Jahre alt." Nun kann mit modernster Technik gekocht und gebacken werden. Ähnlich moderne Verhältnisse würden sich die Therapeuten auch in den anderen Bereichen wünschen - das Übungsbad etwa müsste auch erneuert werden.

Patient Sven Niebuhr hingegen freut sich schon auf die eigenen vier Wände. In Norderstedt, in der Nähe seiner Eltern, hat er eine Wohnung gefunden. "Mit einer behindertengerechten Küche." Nach dem Einleben will er schon bald auf Jobsuche gehen.