Düsseldorf

Teilzeiteffekt schuld

Düsseldorf. . Alles nicht so schlimm mit der Lohnstagnation? Die realen Pro-Kopf-Verdienste haben von 1990 bis heute nicht nennenswert zugenommen, so die bekannte Kritik. Allerdings habe diese Rechnung einen Haken, meint nun laut Hans Böckler Stiftung der Ökonom Dr. Hartmut Görgens.

Denn die Kalkulation ignoriere, dass sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert habe: So sei zwischen 1990 und 2016 die Zahl der Teilzeitbeschäftigten um neun Millionen und der Anteil der Teilzeitjobs von rund 16 auf fast 40 Prozent gestiegen. Weil nun Teilzeitbeschäftigte einerseits weniger Arbeitsstunden leisten würden und andererseits häufig niedrigere Stundenlöhne erhielten, verdienten sie im Schnitt weniger. Daher senke ein Anstieg der Teilzeitquote automatisch die Löhne pro Kopf.

Dr. Görgens meint nun, dass dieser Effekt einen Teil der tatsächlich erfolgten Reallohnsteigerungen statistisch nach unten gedrückt habe, mit dem bekannten Ergebnis. Insgesamt sehe es so aus, als hätten die Beschäftigten jahrelang keine realen Steigerungen erlebt.

Der Wirtschaftsexperte kommt nun zu einem anderen Ergebnis: Bereinigt um den Teilzeit-Effekt ergäbe sich demnach ein Reallohnzuwachs von rund 25 Prozent im Zeitraum von 1990 bis 2016.

Dr. Görgens widerlege noch eine weitere These, berichtet die Hans Böckler Stiftung. Hierbei geht es um die Ansicht, die realen Stundenlöhne in den unteren Regionen der Einkommensverteilung seien zurückgegangen. Das Durchschnittseinkommen der unteren Einkommensstufen sinke aber nicht deswegen, weil die Verdienste der ursprünglich Betroffenen wirklich gefallen wären, sondern weil sehr viele neue Niedrigverdiener hinzugekommen seien und sich die Arbeitnehmerstruktur in den unteren Einkommensstufen stark verändert habe, sei laut Dr. Görgens der Grund. Und viele, die früher in der untersten Stufe waren, seien in eine höhere Gruppe aufgerückt.

Aus der Entwicklung der realen Stundenlöhne nach Einkommensstufen lasse sich nicht auf die Entwicklung der tariflichen Lohngruppen schließen, betont Dr. Görgens. Darüber lägen bisher keine Veröffentlichungen vor. Vieles spreche jedoch dafür, dass die Tariflöhne in den unteren Lohngruppen stärker erhöht worden sind als in den oberen.

Gesamtwirtschaftlich seien die effektiven realen Löhne je Arbeitsstunde teilzeitbereinigt von 1990 bis 2016 um 33 Prozent angestiegen – stärker als die realen Verdienste insgesamt. Dr. Görgens gehe laut Hans-Böckler-Stiftung allerdings davon aus, dass sich die Anpassung in den untersten, nicht tarifgebundenen Sphären der Verdienstpyramide eher schleppend vollzogen habe.

Das Statistische Bundesamt hat auf Dr. Görgens Einwände gegen eine Berechnung des Durchschnittslohns ohne Teilzeit-Korrektur inzwischen reagiert und weist für die Jahre ab 2007 nur bereinigte Werte aus.