29.05.12

Titel Bille Wochenblatt

"Und was machst Du?"

In diesem Frühjahr feierten und feiern wieder Tausende Jugendliche mit Familie und Freunden ihre Konfirmation oder Jugendweihe. Bundesweit gesehen, entscheiden sich zwischen 80% und 90% eines Jahrgangs für die Konfirmation. Auf die Jugendweihe dagegen bereiten sich in Westdeutschland jeweils nur ein paar Hundert vor, in Ostdeutschland sind es jährlich etwa 100.000 Schüler. Von Jeanette Keber

Sie freuen sich schon auf ihre Jugendweihefeier am 9. Juni: Wyona Willhöft, Mats Obermüller, Kursleiter Helmuth Sturmhoebel und Sonja Rühe (von links).
Foto: jk Sie freuen sich schon auf ihre Jugendweihefeier am 9. Juni: Wyona Willhöft, Mats Obermüller, Kursleiter Helmuth Sturmhoebel und Sonja Rühe (von links).

Aber: Ein immer größerer Teil der Jugendlichen geht heute ohne Feierlichkeit seinen Weg ins Erwachsensein. Und, Marleen, wie viel haste gekriegt?" Schon zehnjährige Steppkes wollen wissen, was einem Konfirmationsfeier oder Jugendweihe einbringen – und zwar auf Heller und Pfennig.

Jugendweihe oder Konfirmation – das ist vor allem der Anlass für eine Riesen-Fete, zu der sämtliche Verwandten anreisen – festlich herausgeputzt, versteht sich. Am Abend darf der Konfirmand meist ein oder zwei Bier mittrinken, ausnahmsweise.

Stimmt schon, das Kind ist erst 14, aber heute ist doch sein großer Tag! Schließlich wird es heute in den "Kreis der Erwachsenen" aufgenommen. Was das Programm nach dem Ritual angeht, unterscheidet sich die Jugendweihe nicht sonderlich von der christlichen Konfirmation oder Firmung. An die "geistige Nahrung"; an die Bedeutung, die diese Feiern ursprünglich hatten, müssen heute mitunter nicht nur die Jugendlichen erinnert werden. Die evangelische Konfirmation geht auf den in Straßburg wirkenden Reformator Martin Bucer zurück und ist erstmals 1539 in der Ziegenhainer Kirchenzuchtordnung formuliert. Martin Luther selbst hatte die Firmung noch abgelehnt. Nach Luther bedurfte die Taufe keiner weiteren Ergänzung. Flächendeckend setzte sich die Konfirmation erst im 18. Jahrhundert durch.

Dass in den neuen Bundesländern auch heute noch bis zu 40 Prozent der Jugendlichen die Jugendweihe feiern, in Westdeutschland dagegen nur ein geringer Prozentsatz, hat mit dem Erbe der DDR zu tun, auch wenn die Jugendweihe keine Erfindung der SED ist. Im 19. Jahrhundert entstand unter Freireligiösen, Freidenkern und in der Arbeiterbewegung das Bedürfnis, eine Initiationsfeier ohne religiösen Hintergrund zu veranstalten. Als Alternative zur Konfirmation entstand die Jugendweihe. In Opposition zu den Kirchen organisierten die freireligiösen Gemeinden einen kulturgeschichtlich fundierten Unterricht für ihre Kinder. Die abschließende Jugendweihe war vor allem eine Feier zur Schulentlassung, deshalb erhielt man sie mit 14 Jahren. Im März 1890 fand in Barmbek die erste öffentliche Jugendweihe für 23 Jugendliche statt. Zwischen 1946 und 1990 nahmen im Großraum Hamburg circa 70.000 Jugendliche an den Kursen und Jugendfeiern teil.

Dem Erwachsensein ein Stück näherkommen -

Beweggründe Jugendlicher in der Region Bergedorf

Gibt es einen Gott? Was darf man als Jugendlicher überhaupt noch? Was ist Glück? Wieso meckern meine Eltern ständig gegen Facebook? Wie rutscht man in die Drogenabhängigkeit – und vor allem: Wie kommt man wieder raus?

Das sind nur einige Fragen, die Jugendliche heute umtreiben, und das sind Fragen, die 14-jährige im Konfirmandenunterricht oder in der Vorbereitung zur Jugendweihe beantwortet haben wollen. 15 Jugendliche haben sich in diesem Jahr in Bergedorf für die Jugendweihe entschieden. Warum?

"Nur weil es alle machen, wollte ich nicht zum Konfirmationsunterricht gehen", sagt die 14-jährige Wyona Willhoeft, die die Vorbereitungstreffen der AG Jugendweihe seit 1890 e.V. in Lohbrügge besucht. Das sieht Sonja Rühe (14) genauso: "Das bringt doch nichts zur Kirche zu gehen, wenn ich gar nicht an Gott glaube." Und Mats Obermüller (16) ergänzt: "Das kann ja jeder halten wie er will, aber ich mache trotz Taufe und kirchlicher Bindung lieber Jugendweihe, weil ich die Thesen der Kirche naturwissenschaftlich unhaltbar finde." Kursleiter Helmuth Sturmhoebel organisiert die Jugendweihe-Vorbereitungstreffen seit 1978. Zwischen 7 und 28 Jugendlichen betreut er jährlich. "Es gibt heute leider zu wenig Ehrenamtliche, die sich dafür engagieren", bedauert der Sonderschullehrer. Angebote für Jugendweihen existieren in unserer Region nur in Bergedorf, Geesthacht und Lüneburg.

15 Mal treffen sich die Jugendlichen mit Sturmhoebel, bevor sie am 9. Juni mit Freunden und Verwandten ihre Jugendweihe feiern. Zuvor hören sie beispielsweise von der Theorie des Urknalls und vom harten Weg eines inzwischen trockenen Alkoholikers, sie können einen Polizisten zum Thema Jugendschutz befragen und machen sich Gedanken um die Zukunft. Ein gemeinsamer Wochenend-Ausflug und eine Exkursion ins KZ Neuengamme schweißen die Gruppe zusammen. Auch ihre Feier bestimmen sie selbst: Mit Zeichnungen, Fotos, eigenen Texten und Gedichten. Sie freuen sich darauf, nach der Feierstunde mit ihrer Familie zusammen zu sein, vielleicht später noch mit Freunden zu feiern. Und sie freuen sich auf den ersten Schritt ins Erwachsenenleben, durch ihre Erlebnisse und Erfahrungen ein bisschen mehr auf Augenhöhe mit Eltern und Lehrern zu stehen. Helmuth Sturmhoebel hofft, die Heranwachsenden zum Nachdenken angeregt zu haben: Über ihre Zukunft und über die Werte, die ihr Leben prägen: "Wir müssen tagtäglich in jeder Situation entscheiden, ob und wie wir handeln. Dies versuchen wir, den Jugendlichen bewusst zu machen."

Nähere Informationen und Anmeldungenen für Jugednweihen 2013 gibts unter Telefon 040/724 55 45 oder www.jugendweihe-hamburg.de .

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