Gelbes Haus
Das ganze Leben ist ein Flohmarkt
Dienstag, 10. August 2010 17:45
- Von Kristina Vogt
Wentorf. Das „Gelbe Haus“ in der Zollstraße 4 hat schon viel erlebt. In der Zeit seit 1896 war es Keksfabrik, Bäckerei, Kneipe und dann bis vor kurzem ein dänisches Antiquitätengeschäft. An den Sonnabenden im kann man dort nun jeweils von 10 bis 13 Uhr Flohmarkt-Schnäppchen schlagen und geschichtsträchtige Stücke ergattern, so zum Beispiel Lenkdrachen oder altes Tafelsilber.

Foto: Kristina Vogt
Bei Heike Rieck und ihrer Mutter Dora Rieck darf jeden Sonnabend im August gestöbert und gefeilscht werden.
„Es war eine Gemeinschaftsidee dreier Familien, die zu Hause etwas Platz schaffen wollten“, erklärt Heike Rieck (41), der das Gelbe Haus gehört. Seit kurzem steht Immobilie leer, noch ist offen, was dauerhaft damit geschieht. „Im Laufe der Jahre sammelt sich doch viel an. Da ist so ein Flohmarkt eine gute Zwischenlösung“, ergänzt Mutter Dora Rieck (80), die die Kasse des hellen Ladenraums bedient.
Und dieser lädt zum Stöbern ein: Die Besucher finden Milchkannen, Motorradhelme und Mäntel, Blumenkübel oder Bücher. Taschen und Teewagen, Hüte und Heimtrainer. Der Abschied vom Hausrat fällt nicht immer leicht, denn viele Gegenstände begleiteten über Generationen hinweg die Geschichten der Familien. Da sind die Esszimmerstühle: „Mehr als 50 Jahre lang waren sie in der Familie. Wir haben sie im Laufe der Zeit neu bezogen“, erzählte die 80-Jährige. Viele Generationen haben auf den Stühlen Familienrat gehalten, einander erzählt, was sie tagsüber erlebt haben und natürlich auch gemeinsam gegessen. „Oft kamen mehr als 20 Familienmitglieder zusammen“, erinnert sich die Seniorin.
Dazu gab es das passende Tafelsilber, das mittlerweile schon verkauft wurde. „Vorlegebesteck, noch von meinen Eltern.“ Früher habe man ja immer groß aufgedeckt. Sich von so etwas zu trennen, falle ihr schon schwer.
Ein anderes Beispiel ist die hölzerne Elefantenrutsche der Familie Werner. „Erst hat sie im Autohaus gestanden, wo ich arbeite“, sagt Sascha Werner. Dann fand der Elefant für etwa zehn Jahre bei Familie Werner ein Heim. „Als eines der Lieblingsspielzeuge unserer zwei Kinder. Als sie noch kleiner waren, haben wir sie auf einem Kissen herunterrutschen lassen und unten aufgefangen.“ Der gelbe Elefant (15 Euro) wartet nun im Gelben Haus auf ein neues Zuhause. Heike Riecks persönlicher Favorit ist ein unbenutzter Bullerjan-Kamin. „Meine Eltern hatten ihn sich damals für das Wohnzimmer zugelegt, aber dann war er doch zu groß“, erklärte Werner. Die schwarze, kugelrunde Schönheit steht massig zwischen Elefant und Sofa und ist mit 1500 Euro auch bei weitem das teuerste Stück des Hausflohmarkts. „Handeln ist natürlich erwünscht“, stellte Heike Rieck klar, denn gerade das mache ja auf einem Flohmarkt besonders viel Spaß. Freude beim Handeln hatten auch die Besucher. So eine Schülerin, die vier bunte Eisbecher für insgesamt zwei Euro mit nach Hause nahm oder die Wentorferin, die für den gleichen Preis einen Wäscheständer erstand.
Aber warum heißt der neue Flohmarktladen eigentlich „Gelbes Haus“? „Ich nehme an, dass sich der Name aufgrund des auffälligen gelben Anstrichs eingebürgert hat“, antwortete Heike Rieck. Wer weiß, vielleicht wird der Flohmarkt dort sogar zur Dauereinrichtung: „So ein Laden fehlt hier“, bemerkte die 80-jährige Wentorferin Helga Wahrmann. „In meinem Bekanntenkreis kenne ich viele, die gerne etwas kaufen oder auch abgeben würden.“ Es müsse ja nicht immer alles neu sein. „Ich denke darüber nach“, kommentierte die Eigentümerin fröhlich.
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